angreifbar
Adjektiv
Bedeutungsübersicht
sich leicht angreifen, kritisieren, bezweifeln lassend; Kritik ermöglichend, kritisierbar
Synonyme zu „angreifbar“
anfechtbar, sich anfechten/bezweifeln/kritisieren lassend, beanstandbar, bestreitbar, bezweifelbar, Kritik ermöglichend, kritisierbar, streitig, strittig, umstritten; (bildungssprachlich)disputabel, kontrovers; (Rechtssprache) revisibel; (Rechtssprache veraltet) appellabel,kontestabel, reszissibel
(Duden)

Ich habe in letzter Zeit viel darüber nachgedacht, was es überhaupt bedeutet, angreifbar zu sein. Der Versuch, zu ergründen, ob, wann und wie ich mich angreifbar mache, führt mich in die Tiefen der Unmenschlichkeit und mein seit jeher bestehendes Gefühl, jederzeit und auf jede Art angreifbar zu sein.

Die Definition der Angreifbarkeit, insbesondere in Bezug auf die eigentliche Persönlichkeit, ist ja recht klar: Ist man angreifbar, so ist man kritisierbar, man kann abgelehnt werden. Aber wann besteht diese Angreifbarkeit überhaupt?

Je dünnhäutiger man ist, desto angreifbarer ist man. Wird man von jemandem berechtigt oder unberechtigt kritisiert und ist daraufhin enttäuscht, traurig, niedergeschlagen oder ähnliches, hört man nicht umsonst die Worte „Lass dir ein dickeres Fell wachsen“, auch wenn „Haut“ in diesem Zusammenhang passender wäre als „Fell“. Diese Worte habe ich unzählige Male in meinem Leben gehört, dennoch ist mein Fell nicht gewachsen. Mein Fell hat eine Sollbruchstelle, die ich nicht überwinden kann. Hinzu kommt ein teilweise elefantöses Gedächtnis – ich wünschte, dass ich mich an alles so gut erinnern könnte wie an diese Dinge, diese Momente, in denen ich angegriffen wurde.

Ich weiß noch, wie nahe es mir ging, als mir gesagt wurde, es sei gut, dass ich meine Gitarre nicht dabei hätte, man wolle eh nicht hören, wie ich ein Geburtstagsständchen spielen würde. Das erste „Boah, du hast den fettesten Arsch, den ich je gesehen habe!“ läuft mir heute noch kalt den Rücken runter. „Verfickte Ritzerin!“ hat sich in mein Gedächtnis eingebrannt. Gelächter, während ich an jemandem vorbei ging, klingt mir heute noch in den Ohren. Der Gedanke an eine Frau, die mir sagte, ich solle mich nicht so anstellen, man könne keinem Mann in den Kopf gucken, die Vorwürfe seien unerhört und ich sei zu nah am Wasser gebaut, hinterlässt mich weiterhin fassungslos. Dieses eine Arbeitszeugnis, das komplett durchgestrichen und neu geschrieben wurde, weil ich es nicht gut genug formuliert hatte, hängt mir auch noch nach. Das erste „Ich interessiere mich nicht für dich“ war eine unglaubliche Enttäuschung. „Ich find‘ die hässlich!“ als Kommentar mit Blick zu mir, vollkommen unvermittelt in der Straßenbahn, tat weh. „Wir konnten Ihre Bewerbung leider nicht berücksichtigen“ ist enttäuschend. „Die Arbeit ist an dieser Stelle viel zu ungenau und nicht wissenschaftlich genug“ ist ein Fehler, der nicht hätte passieren sollen.

Ich war angreifbar. Ich bin angreifbar. Es macht keinen Unterschied, ob man mich aufgrund meines Aussehens, meiner Persönlichkeit, meiner Leistung oder aus sonst irgendeinem Anlass angreift: Die Angreifbarkeit bleibt.

Ginge es danach, die Angreifbarkeit vermeiden zu wollen, müsste ich alles lassen. Ich dürfte nicht mehr über Straßen gehen, ich dürfte keine Jobs mehr annehmen, ich dürfte keine Arbeiten mehr schreiben, ich dürfte mein Herz nicht mehr verschenken. Ich dürfte nicht mehr schreiben. Ich dürfte meine Gedanken nicht mehr äußern. Nicht mehr sein. Denn alles, wirklich alles, kann mich angreifen, mich verletzen, mich traurig machen. Ob ich es nun zeige oder nicht. Kritik hat grundsätzlich immer die Möglichkeit, anzugreifen.

Ich habe über die Jahre immer wieder versucht, Mauern um mich herum aufzubauen, ein Image von mir aufzubauen, das unangreifbar ist, das vielleicht sogar gemocht oder bewundert wird, ein gut gekleidetes, möglichst schlankes Ich, das mit einem Strom aus Modemagazinen und Oberflächlichkeit inmitten von Belanglosigkeiten schwimmt, um zu vermeiden, angegriffen zu werden. Und trotzdem passierte es.

Angreifbar zu sein heißt auch, authentisch zu sein. Man selbst zu sein. Vielleicht ist nicht die Angreifbarkeit das Problem. Vielleicht liegt das Problem viel mehr darin, dass die Angreifbarkeit als Schwäche gesehen wird.

Selbstverständlich macht es schwach, wenn man angegriffen wurde. Man hat schließlich Wunden zu versorgen, die ohne diesen Angriff nicht bestehen würden. Aber sich angreifbar zu machen, authentisch zu sein, ist in meinen Augen stark.

Ich bin stark. Und ich bin angreifbar.