Über die Doppelbelastung psychischer Krankheiten und ihrer Stigmatisierung.

Laut Freunde fürs Leben leiden in Deutschland etwa 4 Millionen Menschen an Depressionen. Bei 82,67 Millionen Einwohnern sind das 4,84 % der Bevölkerung. Gar nicht mal so viele, oder? Tja, ginge es hierbei um die Bundestagswahl, würden nur 0,16 % fehlen, um die Fünf-Prozent-Hürde zu knacken & die Depressiven dürften im Bundestag Platz nehmen. Statista gibt nochmal ganz andere Zahlen heraus: Zwischen 20 und 30 Prozent psychischer Erkrankungen bei Männern und Frauen verschiedener Altersklassen – wobei „psychische Erkrankungen“ ja noch mehr Krankheiten umfasst als der Begriff „Depressionen“.

Manche psychische Krankheiten verschwinden nach recht kurzer Zeit wieder, andere bleiben Jahre oder Jahrzehnte an ihrem „Besitzer“ haften – wie eine nervige Klette, die einfach nicht abfallen will.

Und obwohl ein stetig wachsender Bevölkerungsteil an psychischen Krankheiten leidet – sei es nun der Schnelllebigkeit unserer Zeit oder gar dem Zunehmenden Bewusstsein über das eigene Sein geschuldet – sind „wir Psychos“ immer noch vor allem eines: Stigmatisiert.

„Ach, Depressionen? Pffft, hatte ich auch schon. Hab einfach positiv gedacht, dann ging’s wieder.“

Mit der wachsenden Zahl von Organisationen oder auch Einzelpersonen, die sich für die Entstigmatisierung psychischer Krankheiten einsetzen, wächst das Verständnis für die Erkrankungen immer weiter – zum Glück! Denn die vermeintlich einfachen Lösungen, gut gemeinten Ratschläge oder verdrehten Augen lösen vor allem eines aus: Selbstzweifel.

„Du musst dich nur gesund ernähren, dann kommt die Lebenslust von ganz allein.“

„Arbeiten lenkt voll gut ab! Zuhause rumsitzen bringt dir gar nichts!“

„Hier, ich hab da mal diesen Film geguckt, danach waren meine Depressionen wie weggeblasen.“

„Du bist nicht krank, du bist einfach nur faul!“

„Wer arbeiten will, kann auch arbeiten! Das hat nichts mit einer Krankheit zu tun!“

„Psychische Krankheiten gibt es gar nicht! Das ist alles nur dummes Gelaber von Leuten, die zu faul sind, selbst zu arbeiten und sich stattdessen lieber auf den Sozialleistungen ausruhen, die andere für sie erarbeiten!“

„Stell dich nicht so an! Du musst einfach wieder arbeiten gehen, dann geht es dir auch besser.“

„Mach doch mal mehr!“

„Psychische Krankheiten sind eine Erfindung der Pharmaindustrie!“

„Was? Vergewaltigt? Ach komm, das sagst du doch nur, um ein bisschen mehr Aufmerksamkeit zu bekommen. Stell dich nicht so an.“

Warum kannst du das und ich nicht?

Immer, wenn ich einen tollen Ratschlag lese – und ich meine das ernst: es gibt wirklich gute Ratschläge! – frage ich mich, warum das bei mir nicht so klappt. Warum ich nicht einfach meinen Arsch hoch kriege, joggen, schwimmen, radeln gehe, warum ich nicht einfach alles ändere, fit werde, gesund werde, mich mit intellektuell wertvollen Dingen beschäftige, warum ich das nicht mache, warum, warum, warum nicht ich? WARUM?! Und dann, dann frag ich mich, ob ich einfach zu faul bin. Ob ich vielleicht gar nicht krank bin. Ob ich mir einbilde, dass das, was mir passiert ist, wirklich zu schlimm für mich ist, um einfach so weiter leben zu können. Einfach so. Weiter leben. Wie geht das überhaupt? Wie gehen Dinge „einfach so“? Wie lebt man weiter? Wie lebe ich weiter? Warum können andere das, was ich nicht kann? Könnte ich das, wenn ich mich nur ein bisschen mehr anstrengen würde?

Bin ich einfach nur zu faul?

Ernsthaft, wenn ich nach zwei, drei, vier Stunden (oder auch nur Minuten, an ganz schlechten Tagen), in denen ich recherchiert/gelesen/gearbeitet/Mails beantwortet/geschrieben/IRGENDETWAS PRODUKTIVES GETAN habe, hier sitze und vor tiefer Erschöpfung – Erschöpfung, ja, nicht Müdigkeit – keinen Zentimeter mehr weiter vorwärts komme, dann blicke ich mit den Augen, aus denen ich glaube, dass sie die der Gesellschaft sind, auf mich hinab, sehe mich von oben herab an und frage mich: „Bist du einfach nur zu faul?“

Wenn Wissen, Denken und Fühlen in verschiedene Richtungen gehen.

Ich weiß, dass ich nicht faul bin. Ich weiß, dass ich daran arbeite, gesund zu werden, dass ich verarbeite wie eine Irre – meistens jedenfalls – und dass ich dazu auch noch arbeite. Ich gebe alles. Alles, was ich geben kann. Mehr kann ich nicht geben. Zwischen Faulheit und Auslastung meiner eigenen Kapazitäten nehme ich einen riesigen Unterschied wahr. Ich nehme ihn war. Ich weiß, dass es einen Unterschied gibt. Und trotzdem schleichen sich diese Gedankentrolle, die von der potentiellen Erwartungshaltung anderer gesteuerten Gedankentrolle, immer wieder in meinen Kopf. Und dann fühle ich. Ich fühle, was ich nicht fühlen will, weil ich weiß, dass es anders ist, aber denke, dass es so ist, wie ich es empfinde. Blöd, ne?

Ihre Sicht und meine Sicht ergibt? Keine Aussicht.

„Meine Sicht der Dinge“, so nenne ich sie jetzt mal, ist mein Ausblick auf meine Krankheit: Meine Symptome, meine Erfahrungen, meine Ursachen, mein Trauma. Meine Sicht der Dinge ist nach innen gerichtet. Verzweiflung in mir drin, quasi. Und „ihre Sicht der Dinge“ ist der Ausblick anderer auf mich. Wie sie mich wahrnehmen. Also etwas, was ich gar nicht definitiv wissen kann, was ich aber anhand dessen, was ich über unsere Gesellschaft und ihren Umgang mit psychisch Erkrankten weiß. Wenn ich jetzt also diese Innensicht mit der (potentiellen) Außensicht verknüpfe und mir dann auch noch tatsächlich was draus mache, was andere über mich denken (könnten) – mache ich, sonst würde mich ja der Gedanke an eine Außensicht bzw. Außenwirkung gar nicht beschäftigen -, dann habe ich keine Aussicht mehr. Ich versperre mir die Aussicht. Die Aussicht auf Besserung.

Aus Eins und Eins mach Zwei.

Wenn ich nun also die Innensicht habe, die scheiße ist, und die Außensicht dazu kommt, von der ich erwarte, dass sie scheiße ist, weil, nunja, so kenne ich es eben – was hab ich denn dann? Ja, genau: Zwei Dinge, die scheiße sind. Zwei Dinge, die mich belasten. Ich habe also einmal die Krankheit selbst, mit der ich zu kämpfen habe, und dann noch das Problem, dass ich a) nicht zu meiner Krankheit stehen kann, weil andere mich dafür verurteilen könnten, also muss ich sie verstecken, b) offen über meine Krankheit rede, von Personen A und B unterstützt, von Personen C und D hingegen dafür angefeindet werde, c) niemals auch nur ein Wort darüber verliere, dass ich krank bin, weil ich weder das Verstecken meiner Krankheit noch die Konfrontation mit Anfeindungen wegen meiner Krankheit ertragen kann.

Warum ein Ende der Stigmatisierung also wichtig ist.

Worauf ich hinaus will, ist Folgendes:

Wenn wir als Gesellschaft – ich schließe mich und alle anderen psychisch Erkrankten jetzt einfach mal mit ein – anfangen würden, psychische Krankheiten als das hin zu nehmen, was sie sind – Krankheiten nämlich – dann würden einige Erkrankte wahrscheinlich gar nicht mehr so krank werden, wie sie es angesichts der Stigmatisierung geworden sind.

Die durch die Stigmatisierung entstehende Doppelbelastung für psychisch Erkrankte hilft niemandem. Also, jedenfalls nicht wirklich. Ich weiß zwar, dass es für das eigene Ego ganz toll sein kann, sich moralisch oder in sonstiger Form über eine andere Person zu erheben, aber mal ehrlich: Das eigene Ego kann man auch anders streicheln.

Wenn man kein Mitgefühl für jemanden zeigen kann oder will, wenn man kein Interesse daran hat, jemanden zu unterstützen, der krank ist, kann man es dann nicht einfach wie Klopfer aus Bambi halten?