Über die Garnele, die ewig lebt.

Indem ich dir diese Geschichte erzähle, verstoße ich gegen geltendes Recht. Ich verstoße gegen den Codex der Gemeinschaft der Jacquianer – einem Geheimbund, von dem kaum einer je gehört hat und dessen wenige Mitglieder genau diesen Codex befolgen, damit das so bleibt. Doch ich muss dagegen verstoßen, weil das, was ich dir nun erzählen werde, schier unglaublich ist. Es ist die Geschichte von Jacques, der Garnele, die ewig lebt.

Wie alles begann.

Wir schreiben das Jahr 0 A. J. [Anm. der Redaktion: Anno Jacques; Die jacquianische Zeitrechnung beginnt ungefähr 2004 unserer Zeitrechnung – genaue Daten sind leider nicht dokumentiert.], als eine kleine Garnele das Licht der Welt erblickt.  

Jacques wuchs in bescheidenen Verhältnissen auf. Als eines von Hunderten Kindern fühlte er sich oft, als würde man ihn übersehen. Als dürfe er Dinge nicht, die seine Geschwister stets durften. Seine Maman rief ständig: „Jacques, nicht putzen!“, also ließ der kleine Jacques traurig seine Antennen hängen und beobachtete von weit, weit weg seine Geschwister, deren Namen er sich partout nicht merken konnte, wie sie von einer Ecke des Raumes in die anderen pesten, um zu putzen.

Doch einsam war Jacques nicht. Seine Maman stand meist neben ihm, strich ihm mit ihren Vorderscheren sanft über den Kopfpanzer und sagte: „Mon cher garçon, ne sois pas triste. Du bist etwas ganz Besonderes, ma petite crevette. Du wirst schon sehen, mon cher, du wirst es schon noch sehen.“ Jacques verstand nicht, wovon seine Maman da sprach. Er fragte sie, ein, zwei Mal vielleicht, nach den Gründen für seine Besonderheit, doch sie lächelte ihn nur an.

Der Schicksalsschlag.

Eines schönen Tages – Jacques war gerade aufgewacht und schwamm seine übliche Morgenrunde, vorbei an den fein säuberlich von seinen ihm unbekannten Geschwistern geputzten Fensterscheiben – fiel Jacques Blick auf einen leblosen, durchsichtigen Körper in der hintersten Ecke seines Zuhauses. Zunächst dachte er, eines seiner Geschwister hätte sich gehäutet, doch beim näheren Hinsehen musste er bestürzt feststellen, dass dies der leblose Körper seiner geliebten Maman war.

„MAMAN! MAMAN! MAMAN!“ – er brüllte nach ihr, während er Zentimeter für Zentimeter näher an sie heran schwamm. „MAMAAAAAN!“ Tränen erstickten seinen letzten Schrei. Seine Mutter reagierte nicht. Keine Antenne zuckte, kein Schwimmbein, kein Schreitbein zeigte auch nur die winzigste Bewegung. Sie lag dort und rührte sich nicht. Ihre Augen waren fahl, ihr Schwanzfächer, den sie stets mit Stolz hoch getragen hatte [sie war Pariserin, da machte man das so], hing schlaff zwischen Kieselsteinen am Boden.

Wütend starrte Jacques durch den Tränenschleier vor seinen Augen. Keines seiner Geschwister interessierte sich für den Tod ihrer Maman. Wie dumme Idioten klebten sie allesamt an Pflanzen, Behausungen und Fensterscheiben ihres Zuhauses und putzen. Idioten. Allesamt.

Er schnaubte und begann, einen Kieselstein nach dem anderen fort zu werfen, um seiner Maman ein anständiges Grab zu schaufeln. Das hatte sie verdient. Sie war die liebste, fürsorglichste Maman gewesen, die sich der kleine Jacques nur hätte wünschen können. Er, der noch nie zuvor auch nur einen einzigen Stein hatte bewegen müssen, schaffte an diesem Tag etliche aus seinem Weg und grub mehrere Zentimeter tief, bis er auf eine sandige Schicht stieß. Mit größter Anstrengung trug der den leblosen Leib seiner geliebten Maman in ihr Grab. Minuten, Stunden vergingen, während er weinend und mit hängenden Antennen auf sie blickte und mit ihr sprach. „Maman“, schluchzte er, „Du hast mir nie gesagt, warum ich etwas Besonderes bin. Ich weiß auch gar nicht, ob ich das noch wissen will, jetzt da du fort bist. Eigentlich ist mir alles egal. Denn du, Maman, du warst von uns beiden diejenige, die besonders war. Ich liebe dich.“

Es dauerte lange, bis er es über das Herz brachte, seine geliebte Maman mit den schweren Kieseln zu bedecken. Noch immer hatte keines der Geschwister Interesse an der Szenerie gezeigt. Doch seine Wut verrauchte. Jacques fühlte sich so einsam und so verlassen, wie er sich noch nie zuvor gefühlt hatte.

Trauer.

Auch am nächsten Tag saß Jacques noch mit hängenden Antennen am Grab seiner Mutter. Und am Tag darauf. Und darauf. Er wollte sie nicht verlassen, war sie doch immer seine einzige Bezugsperson gewesen. Doch an einem Tag – Jacques wusste nicht, ob der Tod seiner Mutter nun Tage oder Wochen her war, er hatte jegliches Gefühl für Zeit verloren – stand plötzlich eine seiner Schwestern neben ihm. Sie war größer als er, hatte starke Scheren und blickte ihn finster an. „Du da!“, raunte sie, „Warum putzt du nicht, wie die anderen?“ Zögernd sah er sie an. „Weil Maman gesagt hat, dass ich nicht putzen soll.“ „Pah!“, schnaubte sie und blickte verächtlich drein. „Hier weht jetzt ein anderer Wind! Geh, Putzen!“

Jacques wagte nicht, ihr zu widersprechen oder gar zu zögern. Schnurstracks machte er sich auf den Weg, ihr vorauseilend, setzte sich unter eine der großen Pflanzen und fing an, zu putzen.

Er saß dort, putzte und hing seinen Gedanken nach. Stundenlang saß er dort. Der Fuß der Pflanze und auch die um sie herum liegenden Kiesel glänzten mittlerweile, einige in Perlmutt, andere in Silber, wieder andere in Gold. Vor ihm blitzte und glänzte alles, doch er nahm es nicht wahr.

Ein lautes Krachen erschütterte sein Zuhause. Er hatte dieses Krachen schon oft wahrgenommen und jedes Mal verschwanden danach einige seiner Geschwister. Es störte Jacques nicht. Sie konnten ihm alle gestohlen bleiben.

Entführung.

Plötzlich verlor er den Boden unter den Füßen. Etwas hatte ihn einfach vom Boden weg gerissen, er strampelte, schlug um sich, zappelte und wollte weg von dem, was auch immer ihn mitgerissen hatte, doch es gelang ihm nicht. Er wehrte sich so sehr, doch nichts half – er verhedderte sich nur immer weiter in einem Netz. Einige seiner perlmutten, silbrigen und goldenen Kiesel flogen um ihn herum, trafen seine Brüder und Schwestern, die er nun bemerkte, an den Köpfen. Genau wie er selbst strampelten und zeterten auch sie, denn das, was sie dort gefangen hatte, entriss sie einfach aus ihrem Alltag. Aus ihrem Leben. Was geschah jetzt mit ihnen? Wohin wurden sie verschleppt? Wer entführte sie? Und warum?

Jacques spürte, wie seine Kiemen brannten. Was geschah hier? Wieso konnte er nicht mehr atmen? Er schnappte nach Wasser, doch dort war keins. Kein Wasser. Wo war er? Wo gab es kein Wasser? Wie konnte das sein? Er war immer von Wasser umgeben gewesen, wo war es nun? Er blickte sich suchend um und sah, dass auch seine Geschwister um Atem rangen. Panik überkam ihn. War dies hier sein Ende?

Langsam entglitt ihm sein Bewusstsein und alles, woran er denken konnte, war: „Gleich sehe ich Maman wieder!“

Das Verlies.

Unsanft traf er auf einer harten Oberfläche auf und erwachte aus seiner Bewusstlosigkeit. Seine Kiemen füllten sich mit Wasser, er atmete auf. Seinen Geschwistern erging es wie ihm – nur eine, die Schwester, die ihn am Morgen so angefahren hatte, war noch nicht wieder erwacht. Gleißendes Licht fiel in das Wasser. Hier gab es keine Pflanzen, keinen Schutz, keine Kiesel. Nur Sekunden später wurde es dunkel. Stockdunkel.

Das Wasser war von nun an dauerhaft in Bewegung. Waren es Stunden? Waren es Tage? Jacques war sich nicht sicher. Stöße, Erschütterungen gingen durch das immer wärmer werdende Wasser. Seine Geschwister und er hatten kaum Platz in dem winzigen Gewässer. Sollte es so enden? War das hier das Ende?

Müde von der Aufregung und müde von seinen Bemühungen, die Stöße im Wasser durch Schwimmbewegungen auszugleichen, um nicht hin und her geworfen zu werden, schloss er die Augen. Er ließ sich treiben. Mehrfach stieß er gegen eines seiner Geschwister oder aber gegen die Wände seines Verlieses. In seiner Erschöpfung begann er, von besseren Tagen zu phantasieren, von seiner Maman, von Tagen, an denen er geschwommen war und seine Geschwister beobachtet hatte.

Ankunft.

Plötzlich wurde es hell. Gleißendes Licht flutete durch das Wasser und riss ihn aus dem Schlaf. Seine Geschwister erwachten ebenfalls, nur seine ältere Schwester zeigte noch immer keine Regung. Sie war tot.

Das Verlies kippte unerwartet zur Seite, das Wasser folgte der Bewegung und strömte hinaus, hinab. Wohin? Jacques schwamm gegen den Sog an, hatte jedoch keine Chance, zu entkommen. Mit ohrenbetäubendem Lärm klatschte das Wasser auf eine ihm unbekannte Oberfläche und er wusste, dort würde er auch gleich auftreffen. In tausende Teile zerschellen. Dies war nun wirklich sein Ende.

Beim Aufprall auf die Oberfläche schloss er die Augen. Doch nichts geschah. Er fiel. Er schwamm. Er… er landete im Wasser. Im Wasser? Unsicher, ob er es wagen konnte, seine Augen wieder zu öffnen, versuchte Jacques anhand der Geräusche und des Wassers herauszufinden, wo er war. War er wieder Zuhause? Hatten seine Entführer ihn zurück gebracht? Nie war auch nur eines seiner Geschwister zurück nach Hause gekommen. War das das Besondere an ihm – dass er zuhause bleiben durfte?

Doch das Gewässer war ihm unbekannt. Nichts hier hörte oder fühlte sich so an wie sein Zuhause. Er öffnete die Augen und rechnete mit dem Schlimmsten.

Eine neue Heimat.

Über ihn hinweg zog gerade ein rot-blau glänzendes Wesen, das ihn jedoch nicht zu bemerken schien. Dem Wesen folgten einige, die genauso aussahen. Dann waren dort auch noch andere, ähnliche Wesen mit großen, bunten Flächen, die sie hinter sich her zogen. Sie erinnerten ihn an seinen eigenen Schwanzfächer, sahen aber doch ganz anders aus.

In einiger Entfernung erkannte er Pflanzen und Behausungen, ganz anders als Zuhause, aber doch vertraut. Gemütlich sah es aus. So, als könne er hier bleiben. Ja, das schien ihm angemessen. Er bewegte sich langsam auf eines der Häuser zu, ein besonders großes, und wollte es gerade betreten, als ihm ein flaches, dunkles Wesen mit großem Maul entgegen schoss und ihm den Weg versperrte.

Das Wesen starrte ihn aus dunklen Augen finster an, während es einen Kieselstein nach dem anderen in sein Maul nahm und nach wenigen Augenblicken wieder ausspuckte. Putzte es etwa? Jacques beobachtete das Wesen einige Augenblicke und stellte fest, dass seine Vermutung richtig gewesen war: Das Wesen putzte die Steine. Er war hier also nicht Zuhause, aber es war ganz nett hier, und an den Zimmerservice konnte er sich auch gewöhnen.

Seine Brüder und Schwestern hatte Jacques längst aus den Augen verloren. Wahrscheinlich, dachte er sich, hatten sie sich eine Ecke gesucht, in der sie ebenfalls putzen konnten. Pah, das er nicht lachte! Hier würde er keine Schere mehr rühren!

Irgendwann im Jahr 1 A. J.

Jacques hatte sich eingelebt. Sein Mitbewohner, das platte schwarze Wesen, das er am ersten Tag hier kennen gelernt hatte, und er hatten sich arrangiert. Jacques bewohnte den oberen Teil des Hauses, das Wesen den unteren Teil.

Andauernd kam eines seiner Geschwister vorbei, baute sich von Jacques auf und hielt ihm einen Vortrag: „Du musst putzen! Das kann doch nicht dein Ernst sein, dass du uns hier die ganze Arbeit machen lässt und selbst nichts tust?! Maman hat dich so verwöhnt, es geschieht dir recht, dass sie tot ist!“ Jedes Mal kam ein anderer, weil sie wussten, dass er sich nicht für ihre Reden interessierte und ihnen nur drohen würde.

Jacques war es leid.

Jacques war es leid, von seinen langweiligen, biederen Geschwistern bevormundet zu werden. Er wusste noch nicht mal, wie sie hießen, und scherte sich auch einen Dreck darum.

Eines Nachts, während alle anderen Bewohner des Gebietes schliefen, stieg er zu seinem Mitbewohner herunter und stupste ihn an. Der Kerl war noch wach. Eigentlich war er immer wach, denn aus irgendeinem Grund war er tag- und nachtaktiv. Und was noch viel wichtiger war: Er putzte alles weg. Restlos.

Jacques hatte seinen Mitbewohner dabei beobachtet, wie er die Leichen anderer im Gebiet lebender Wesen einfach wegschaffte. Der Kerl mordete zwar nicht, aber er wusste, wie man Leichen beseitigte. Er war also genau sein Mann, denn Jacques hatte einen Plan. Einen finsteren Plan.

Woche für Woche würde er eines seiner Geschwister umbringen und sie dann beseitigen lassen. Restlos. Damit er endlich seine wohlverdiente Ruhe hatte. Er wollte sie einen nach dem anderen erstechen, sobald sie ihr Tagewerk erledigt hatten. Er wusste, dass wenn alle anderen Geschwister sich bereits zur Ruhe gelegt hatten, einer von ihnen – immer abwechselnd – noch eine Runde durch das Gewässer drehte, um die Putzroute für den nächsten Tag festzulegen. Und denjenigen wollte er sich schnappen. Seinem Mitbewohner erzählte er nicht den ganzen Plan, sondern sagte nur, er müsse jemanden wegräumen, sobald Jacques ihm sage, dass es so weit sei. Der Kerl stellte keine Fragen, gab aber auch selten Antworten. Nunja, Hauptsache er tat, was er sollte.

Der Abend brach herein und ihm Gewässer wurde es schlagartig dunkler. Wenig Licht drang von irgendwo außerhalb der Grenzen durch das Wasser. Jacques legte sich auf die Lauer. Hinter einer Pflanze wartete er darauf, dass sein Bruder, der die heutige Schicht übernahm, vorbei schlenderte. Pünktlich wie ein Uhrwerk tauchte er auf und sah sich um. Er begutachtete Stein um Stein und inspizierte gerade die langen Blätter der Pflanze gegenüber von Jacques, als dieser sich unbemerkt auf ihn stürzte und mit einem gekonnten Schnitt Kopf und Rumpf seines Bruders voneinander trennte. Es gab keinen Kampf. Kein Geschrei. Jacques erster Mord ging so schnell, dass er ihm wie eine Lappalie erschien. Obwohl alles so schnell gegangen war, verspürte Jacques eine ungeahnte Kraft, als er zu seinem Mitbewohner zurück kehrte und ihm den Standort der zu beseitigenden Leiche mitteilte.

Seine Geschwister sollten nie erfahren, was aus ihrem verschwundenen Bruder geworden war.

Zu Beginn des Jahres 2 A. J.

Nun hatte er schon seit 6 Monaten seine Ruhe. Seine Geschwister waren tot, allesamt. Jacques sprühte nur so vor Energie, seitdem sie weg waren. Er fühlte sich stark. Er fühlte sich, als könne er alles schaffen.

Mittlerweile war er unter den Bewohnern des Gebietes bekannt. Die meisten gingen ihm aus dem Weg, da sich hartnäckig das Gerücht verbreitet hatte, er hätte seine letzten lebenden Angehörigen ermorden lassen. Jedes Mal, wenn er das hörte, musste er lächeln. Er hatte sie nicht ermorden lassen. Er hatte es lieber selbst getan.

Im Jahr 3 A. J.

„JACQUES!“ brüllte es von draußen. „Was ist?“ gab Jacques mürrisch zurück, als er zögerlich nach draußen kam. Sein schweigsamer Mitbewohner richtete eigentlich nie das Wort an ihn, also musste schon etwas Dramatisches im Gange sein. Jacques Blick folgte dem seines Mitbewohners. Mit großen Augen – und ebenso großem Entsetzen – sah er von der Wasseroberfläche aus eine Gruppe kleiner Garnelen in das Gebiet fallen. „NEIN!“, schrie er, „Das dulde ich nicht! Du weißt, was zu tun ist!“ Sein Mitbewohner nickte und Jacques stapfte zurück ins Haus.

Er wartete nicht lange. Jacques hatte keine Lust, darauf zu warten, dass diese Jungspunde sich hier einen Alltag aufbauten, den er zuerst hätte studieren müssen, um zu wissen, wann es an der Zeit war. Stattdessen legte er sich gleich auf die Lauer. Schon innerhalb der ersten Woche nach ihrer Ankunft gelang es ihm, zweien von ihnen den Garaus zu machen, in den folgenden drei Wochen erledigte er den Rest. Er wollte seine Ruhe haben. Vor all seinen Artgenossen.

Im Jahr 4 A. J.

Jacques Mordserie war nicht unbemerkt geblieben. Die anderen Bewohner des Gebietes hatten zwar nicht einmal die Zeit gehabt, näheren Kontakt zu den letzten Neuankömmlingen aufzubauen, aber sie hatten sehr wohl ihr plötzliches Verschwinden nach ihrem ebenso plötzlichen Auftauchen bemerkt. Fragen wurden gestellt. Fragen nach den Gründen für ihr Auftauchen, Fragen nach den Gründen für ihr Verschwinden. Die meisten Bewohner des Gebietes waren so jung, dass sie Jacques Familie nie kennen gelernt hatten. Sie wussten lediglich aus Erzählungen, dass dieser Garnele nicht zu trauen war und dass sie ihm und seinem Mitbewohner besser aus dem Weg gingen. Doch nun, da sie mit eigenen Augen gesehen hatten, dass um Jacques herum andere seiner Art einfach auf Nimmerwiedersehen verschwanden, fingen sie an, die Wahrheit hinter den Erzählungen zu suchen.

Es sollte ihnen nicht bekommen.

Im Jahr 8 A. J.

„Gebieter…“ stammelte das rote Wesen. „Gebieter, Ihr müsst Gnade walten lassen!“ Jacques hob stirnrunzelnd eine Antenne. „Ach ja?“ „Ja, Gebieter, ich bitte euch, meine Kinder zu verschonen.“ Das rote Wesen deutete auf ein kleines Grübchen kleinerer, roter Wesen.

Nach den ersten Aufständen gegen sein Handeln hatte Jacques es geschafft, sich den Respekt aller Bewohner des Gebietes zu beschaffen, indem er einfach jeden umbrachte und beseitigen ließ, der ihm nicht passte. Und das war so ziemlich jeder.

Nachdem sein Mitbewohner 2 Jahre zuvor an Altersschwäche verstorben war, gab es niemanden mehr für ihn, dem er Rechenschaft schuldig gewesen wäre. Gut, diese war er auch seinem Mitbewohner nicht schuldig, aber irgendwie mochte er den verschrobenen platten Kerl, der ihn eigentlich immer in Ruhe gelassen hatte. Doch alle anderen hatten ihn eben nicht in Ruhe gelassen. Also mussten sie weg.

Im Jahr 10 A. J.

Keiner war mehr übrig. Jacques hatte sie alle umgebracht.

Nein, nicht alle – einer lebte noch. Es war ein Verwandter unbekannten Grades seines früheren Mitbewohners, der vor einigen Jahren in das Gebiet eingewandert war. Er war riesengroß, schwarz und passte in keine der Behausungen wirklich bequem hinein. Aufgrund seiner beeindruckenden Größe und des kräftigen Kiefers waren ihm sofort nach seinem Einzug alle anderen Bewohner aus dem Weg gegangen, nur Jacques traute es sich zu, sich diesem Biest zu nähern. Es sprach nicht. Es blickte einen nur an – und griff an, sobald es sich belästigt fühlte.

Jacques und das Biest lieferten sich bei Jacques erstem Versuch, eine Kooperation einzugehen, einen erbitterten Kampf, den das Biest verlor. Jacques hatte es bezwungen, mit all der Macht, die er über die Jahre gesammelt hatte. Das Biest zollte ihm Respekt, da es zuvor noch nie besiegt worden war. Dieses kleine, fast durchsichtige Wesen mit der unbestreitbaren Kraft flößte dem stummen Biest eine Heidenangst ein, sodass es lieber tat, was Jacques von ihm verlangte.

Aus diesem Grund hatte es still zugesehen und folgsam beseitigt, wen es zu beseitigen gab, während Jacques einen Bewohner des Gebietes nach dem anderen vernichtete. Nun waren sie allein und das Biest hoffte inständig, dass Jacques Mordlust sich nicht auch noch auf es selbst ausweiten würde.

Im Jahr 13 A. J.

„13…“ ächzte Jacques. „13 Jahre bin ich jetzt alt. Ich bin steinalt. Ich habe sie alle überlebt. Ich habe Maman überlebt, ich habe meine Geschwister überlebt.“ Er lachte bitter auf. „Nun, das habe ich mir wohl selbst zu verdanken.“ Jacques hockte auf einer Wurzel in der Mitte seines Reiches. Seines einsamen Reiches, das nur er und sein Bediensteter bewohnten.

Jacques starrte auf die algenbewachsenen Grenzen seines Reiches. Ein Bediensteter allein schaffte nicht allzu viele Aufräumarbeiten. Und alt wurde das Biest auch langsam. Alt und schwach. Er selbst jedoch war noch genau so fit und agil wie vor 13 Jahren. „Maman“, flüsterte Jacques, „Ich weiß jetzt endlich, was du meintest, wenn du mir sagtest, ich sei etwas Besonderes. Ich habe verstanden.“ Er nickte langsam. „Ich habe all meinen Opfern die Lebensenergie geraubt und mir so ein ewiges Leben beschert.“ sagte Jacques zu sich selbst. Er wartete. Irgendwie hatte er gehofft, eine Antwort zu erhalten. Doch er bekam keine.

Plötzlich ließ eine Erschütterung sein Reich erbeben. Das Wasser setzte sich in Bewegung, kein Stein blieb mehr auf dem anderen, Jacques schwamm, schwamm um sein Leben, und stieß alle paar Sekunden auf eine Blockade oder aber auf die Grenzen seines Reiches. Alles bewegte sich, lärmend stürzten Wurzeln über ihm nieder, erhoben sich wieder, Kiesel wurden bewegt, fielen durch das Wasser zu Boden, verließen den Boden, Sand wurde aufgewirbelt. Die Unruhe hatte das gesamte Reich erfasst und Jacques konnte nur beim Zerfall seines Zuhauses zusehen.

Er spürte, wie etwas ihn nach oben riss. Er verlor den Boden unter den Füßen. Seine Kiemen brannten und er fühlte sich in eine lang zurückliegende Zeit zurück versetzt. Sein Bewusstsein vernebelte, er fühlte sich seiner Maman erneut so nah – bis er wieder im Wasser landete. In einem anderen Gewässer. Mit anderen Pflanzen. Und anderen Behausungen. Und anderen Bewohnern? Nein, Jacques war allein.

Jacques schwamm einige Runden durch die unbekannte Umgebung, ehe er feststellte, dass er dieses Mal wirklich allein war. Hier war niemand, der ihm Vorschriften machte. Niemand, der nur hinter vorgehaltener Hand über ihn sprach. Aber auch niemand, der für ihn putzte. Er war vollkommen allein.

Vorsichtig setzte er sich auf das Blatt einer Pflanze. Von hier aus konnte er sein neues Zuhause vollständig überblicken. Er schaute auf seine Scheren und begann vorsichtig, an dem Blatt herum zu rupfen. Das Grün zwischen seinen Scheren fühlte sich weich an. Er roch vorsichtig daran. Nachdenklich betrachtete er es. „Das kann doch nicht…“ Jacques führte das Grün zu seinem Mund und biss hinein. Er konnte es kaum glauben. Dieses Grün, das er all die Jahre wegzuputzen vermieden hatte, war tatsächlich das Grün, das er sich zum Essen hat bringen lassen! Da war Essen! Überall!

Eifrig fing er an, die gesamte Blattoberfläche zu säubern. Mit vollem Magen ließ Jacques sich anschließend zu Boden sinken. Er nahm einen der Kieselsteine in die Scheren und säuberte ihn vom Grün, das er nun jedoch einfach zur Seite legte. Angestrengt rieb er den Stein, bis dieser golden glänzte. „Hübsch!“ rief Jacques aus, ohne genau zu wissen, was er da gerade getan hatte. Er nahm sich einen weiteren Stein, der bald schon silbern glänzte, und noch einen, der kurz darauf in strahlendem Perlmutt schimmerte. Jacques grinste.

Noch nie zuvor war er so glücklich gewesen: Er war so satt wie noch nie, er umgab sich mit hübschen, glänzendglitzernden Dingen und niemand, wirklich niemand, störte ihn mehr. Endlich war er angekommen: Der besondere, besonders alte Jacques, in seinem besonderen Zuhause.