Achtsamkeit: Was is’n das?

In den letzten Monaten, vielleicht sogar auch Jahren, fällt das Wort „Achtsamkeit“ immer häufiger: Die Menschen wollen achtsamer leben, ihr Leben entschleunigen, mehr genießen. Aber was genau heißt Achtsamkeit denn eigentlich?

Achtsamkeit heißt im Prinzip, dass man in diesem einen Moment lebt, nicht in der Vergangenheit, nicht in der Zukunft, sondern dass man diesen einen Moment, das JETZT, voll und ganz auskostet. Es genießt. Sich auf eine Sache konzentriert – kein Multitasking. Kein Fernseher, der nebenher läuft, während man mit Freunden via Facebook chattet.

Und diese Achtsamkeit kann man üben. Es gibt mittlerweile unzählige Bücher über Achtsamkeitsübungen, Blogs, die sich mit dem achtsameren Leben befassen, Tutorials, Videos, Podcasts, Hashtags. Es gibt einfach alles!

Manche Menschen wollen die Achtsamkeit auf ihr ganzes Leben anwenden – was ich persönlich verdammt sportlich finde (Kochen und keine Musik dabei hören? AAAAAH! Ohne mich!) – andere wollen einfach nur eine Achtsamkeitsübung täglich machen, um sich und ihrem schwerbeschäftigten Kopf eine kleine Auszeit zu gönnen. Ich gehöre eher zur letzteren Sorte. Kleine Übungen, die sich leicht in meinen Alltag integrieren lassen, finde ich super. Und was wäre da bloß naheliegender als eine Bella-basierte Achtsamkeitsübung?

Meine persönliche hundgestützte Achtsamkeitsübung.

Nach meinen Abendritualen (die übrigens auch helfen, um den Tag entspannt und bewusst ausklingen zu lassen), setze ich mich auf mein Bett. Bella liegt dann meist schon da und wartet auf mich – mein Übungsmaterial.

Ich setze mich dann neben Bella – das einzige elektrische Gerät, das zu diesem Zeitpunkt aktiv ist, ist meine Nachttischlampe – und fange an, sie zu kraulen, ihr durch ihr Fell zu flauschen, variiere die Stärke meiner Flauscherei und beobachte ganz genau, wie sich ihr Fell beim Kraulen verhält.

Ich schaue mir die einzelnen Haare an, durch die meine Finger fahren, und nehme jeden Farbwechsel ihres Fells und auch den Strukturwechsel wahr – hinter den Ohren sind ihre Haare ganz fein und weich, am Körper sind sie glatt und stark, an der Rute kraus und stark.

Ich schaue mir einfach nur an, was ich da mache, und konzentriere mich auf das Gefühl des Fells zwischen und unter meinen Fingern. Irgendwann schläft Bella ein und irgendwann werde auch ich davon ganz schläfrig.

Warum achtsames Kraulen anders ist.

Jeder Mensch krault seinen Hund (sofern der Hund das denn mag) ganz automatisch: Während man selbst auf der Couch liegt und der Hund daneben döst, lässt man einfach die Hand sinken und flauscht ihm durch sein Fell. Zur Begrüßung und zur Verabschiedung krault und tätschelt man seinen Hund – halb bewusst, halb nebenbei, da man ja mit dem Verlassen oder Betreten der Wohnung beschäftigt ist. Oftmals kraule ich Bella im Multitasking-Modus: Mit der rechten Hand schreibe ich eine E-Mail, mit der linken Hand kraule ich ihre Lieblingsstelle.

Dieses automatische Streicheln und das Multitasking-Kraulen sind ganz wunderbar, wirklich – einfach, weil die Berührung des Hundefells gut tut und schon nach kurzer Zeit Endorphine ausgeschüttet werden.

Achtsam und über einen längeren Zeitraum zu streicheln, kraulen und flauschen steigert aber den Effekt des Ganzen noch mehr: Blutdruck und Herzfrequenz sollen dabei sinken und die Ausschüttung von Stresshormonen soll gestoppt werden. Lustigerweise sollen auch Achtsamkeitsübungen genau diese Effekte haben: Weniger Stress, weniger körperliche Stresssymptome. Da ist es doch naheliegend, als Hundehalter mit den Achtsamkeitsübungen auf den Hund zu kommen, oder?

Das Besondere an der Sache ist eben dieses Im-Moment-Sein, das man (also, jedenfalls geht es mir so) sonst im Alltag gerne mal vergisst. Und ich glaube, dass auch Bella es merkt, wenn ich sie ganz bewusst streichle, und nicht nur nebenher.

Wie lange dauert so eine hundgestützte Achtsamkeitsübung?

Bücher geben gerne Zeiträume für die Achtsamkeitsübungen an, aber ich würde da eine andere Herangehensweise empfehlen: Kurz anfangen, langsam steigern und immer nur so lange ruhig sitzen bleiben, wie es sich gut anfühlt! 

Durch meine psychischen Erkrankungen weiß ich selbst ganz genau, dass Mediation und Achtsamkeit manchmal wirklich überhaupt nicht schön, sondern belastend sind. Manchmal ist Ruhe genau das, was ich nicht brauche bzw. nicht ertragen kann – und an solchen Tagen lasse ich es einfach. Mich selbst mit Achtsamkeit und Entspannung quasi noch unter Druck zu setzen („Komm, du bist heute so unentspannt, jetzt entspann dich endlich mal, VERDAMMT, ENTSPANN DICH!“), hilft mir erst recht nicht. Auf diese Weise hilft das Thema Achtsamkeit auch direkt noch dabei, die eigenen Grenzen zu erforschen.