Vor einigen Monaten habe ich andere (ehemalige) Selbstverletzer dazu aufgerufen, mir für eine Blogreihe ihre Geschichte zu erzählen. Ihr Leben mit den Narben der Selbstverletzung. Wie sie damit umgehen, was sie trotz der Narben erreicht haben, was sie noch erreichen wollen. Ich wollte Stimmen Gehör verschaffen, die anderen Betroffenen Mut machen können. Heute beginnt diese Blogreihe. Sie beginnt mit mir und meiner Geschichte.

Meine Geschichte ist keine gänzlich vorbildliche. Meine Geschichte zeigt, wie es laufen kann, wenn man sich nicht früh genug Hilfe sucht. Meine Geschichte ist wahnsinnig persönlich und noch nicht vorbei. Ich stecke noch mitten im Kampf gegen die Selbstverletzung. Ja, ich muss gegen etwas kämpfen, das mir selbst schadet. Ironisch, nicht wahr? Weil mir zu schaden über all die Jahre eine Gewohnheit geworden ist. Vielleicht macht meine Geschichte ja gar keinen Mut, sondern schreckt eher ab. Aber auch Abschreckung ist mir recht. Es mir nicht gleich zu tun, sondern sich früh helfen zu lassen, soll die Lehre meiner Geschichte sein. Und dass das Leben nicht vorbei ist, wenn man sich erst später helfen lassen kann oder will, soll Mut machen. So oder so, in meiner Geschichte erzähle ich euch, wie ich mit meinen Narben lebe.

Weil das hier meine persönliche Geschichte ist, möchte ich euch bitten, euch genau zu überlegen, ob ihr wirklich etwas Kritisches dazu zu sagen habt. Und wenn ja, dann bitte ich euch, euch noch viel genauer zu überlegen, wie ihr das, was ihr sagen wollt, ausdrückt. Genau das Gleiche gilt auch für die Geschichten anderer Betroffener, die ich in den nächsten Wochen veröffentlichen werde.

Meine Geschichte soll keinen Menschen dazu anregen, sich selbst zu verletzen. Da Selbstverletzung aber das Hauptthema dieses Beitrags ist und dieses Thema triggernd wirken kann, bitte ich euch darum, zu reflektieren, ob ihr wirklich in der Verfassung seid, diesen Beitrag zu lesen.

Und los geht’s…

Die Depressionen (oder was auch immer das, was ich habe, ist) begleiten mich seit mehr als einem Jahrzehnt. Ich glaube, ich habe schon als Kind angefangen, mich mehr oder minder unbewusst selbst zu verletzen, denn ich kaute auf meinen Nägeln und ich rupfte mir Haare aus. Im Alter von 13 Jahren begann ich damit, mich ganz bewusst selbst zu verletzen, indem ich mich mit Nadeln stach oder mit einem Teppichmesser bzw. einer auseinander gebauten Rasierklinge schnitt. Warum ich das tat? Die genauen Gründe dafür kenne ich nicht mehr, doch ich denke, dass ich glaubte, einen physischen Schmerz zu verdienen und bestraft werden zu müssen. Vielleicht suchte ich auch einen Schmerz, den ich im Gegensatz zu meinen emotionalen Schmerzen wirklich greifen konnte. Es war auch ein Hilfeschrei – ein ungehörter. Liebeskummer war ein Auslöser. Mobbing und Ängste vor der Zukunft ebenfalls. Eigentlich gab es für mich keine Zukunft. Ich konnte mich selbst nicht leiden; das wird ebenfalls eine Rolle gespielt haben. Und, wie wahrscheinlich so viele andere Kinder und Jugendliche auch, hatte ich keine Ahnung, dass ich nicht die Einzige war, die sich selbst verletzte. Ich hielt mich für verrückt – und irgendwie war und bin ich das ja auch.

Ich machte weiter. Jahrelang. Weitestgehend unbemerkt. Ich stach auf mich ein, zerhackte mich, so gut es eben ging. Mit der Zeit wurden die Auslöser mal größer, mal nichtiger, häufig spielte die Überforderung mit meiner allgemeinen Situation eine Rolle. Mittlerweile bin ich mir sicher, dass ein Großteil meines selbstverletzenden Verhaltens auf eine gewisse Kontrollsucht zurückgezogen zu führen ist: Den physischen Schmerz kann ich kontrollieren, wenn ich ihn mir selbst zufüge – den psychischen Schmerz habe ich jedoch nicht unter Kontrolle. Und ich habe die Dinge gerne unter Kontrolle.

Doch das Ritzen half nicht. Es machte keinen Unterschied, ob ich mich schnitt oder nicht: Meine Probleme wurden durch die Selbstverletzung nicht besser. Nein, sie wurden eher schlimmer. Wann immer ich mich selbst verletzt hatte, schämte ich mich in Grund und Boden. Ich hasste meine Wunden, meine Narben. Ich versteckte sie, versteckte mich, zog mich von Freunden und meiner Familie zurück.

Meiner Familie, meinen Eltern, spielte ich jahrelang den glücklichen Teenager vor. Wann immer ich mit ihnen zuhause war, steckte ich enorm viel Energie darin, meine Wunden und Narbe vor ihnen zu verstecken. Und das war anstrengend. Schaupieler haben zwischen ihren Drehs Pausen – Ich hatte ungefähr 6 Jahre lang quasi keine Pause von meinem persönlichen Theaterstück.

Zwischendurch hoffte ich, dass einer meiner Lehrer mir den schwierigen Schritt abnehmen und meinen Eltern von meiner Selbstverletzung erzählen würde – doch sie schwiegen. Alle. Und ich könnte schwören, einer von ihnen müsste etwas gesehen haben. Irgendetwas. Heute, gut 7 Jahre nach meinem Schulabschluss, erschüttert es mich doch sehr, zu wissen, dass ich übersehen wurde. Doch wenn ich ehrlich zu mir bin, dann weiß ich, dass ich es selbst in der Hand hatte. Ich hätte mich dagegen entscheiden können (und sollen) leise, fast lautlos, vor mich hin zu leiden und mir im stillen Kämmerchen Klingen durch die Haut zu jagen. Doch ich tat es nicht. Ich hielt die Klappe. „Mich versteht eh keiner“,“Es interessiert keinen“, dachte ich. In Wahrheit verstand ich mich selbst nicht. Und so richtig interessiert habe ich mich für mich selbst wohl auch nicht.

Mein bester Freund drängte mich immer wieder, mit meinen Eltern zu sprechen, doch ich wartete – 6 verdammt lange Jahre. 6 Jahre, in denen mir hätte geholfen werden können. Als ich 2010, kurz nachdem Suizid meines Cousins und kurz vor meinen Abiturprüfungen endlich mit meinen Eltern sprach, war das natürlich schmerzhaft, anstrengend und erleichternd gleichzeitig. Meine Eltern machten sich Vorwürfe, weil sie das Gefühl hatten, jahrelang viel verpasst zu haben, und ich machte mir Vorwürfe, dass meine Eltern sich nun Vofwürfe machten. Ein Teufelskreis. Meinen Eltern Sorgen zu machen, das war eine Horrorvorstellung für mich.

Doch danach ging es mir besser.

Trotz recht schlechter Schulnoten in den Jahren vor meinem Abitur hängte ich mich richtig rein. Ich lernte, frei von der Last des ewigen Schauspiels, wie eine Wilde und schnitt beim Abitur wesentlich besser als erwartet ab. Ich fing eine Ausbildung an, zwei in einer sogar, und legte mich auch da so richtig ins Zeug. Ich wurde Klassensprecherin, schrieb eine 1 nach der anderen, verkürzte die Ausbildung auf 2,5 Jahre und arbeitete anschließend als Personalsachbearbeiterin. In der Schule versteckte ich meine Arme nicht, im Büro hingegen schon. Nach einem halben Jahr im Vollzeitjob begann ich neben der Arbeit zu studieren (Germanistik und Anglistik), 2 Jahre später machte ich mich neben dem Studium selbstständig, Bella zog ein, ich kam zur Ruhe – und brach zusammen.

Während ich in puncto Bildung und Arbeit Vollgas gab, steckte meine psychische Gesundheit (wie immer) zurück. Ich hatte mich zwar meinen Eltern geöffnet, aber das beseitigte meine Probleme nicht. Während alles andere ganz gut lief, erlebte ich privat einige herbe Schicksalsschläge. Ich war über 20 und verletzte mich noch immer selbst. Ich fing wieder an, mich selbst zu verletzen und daraufhin auch, mich wieder zu verstecken – als hätte ich aus meinen Erfahrungen als Teenager nichts gelernt.

Aber ich hatte etwas gelernt. Ich zog die Notbremse viel früher. Ich ließ mir langsam aber sicher helfen, ging zu meinem Hausarzt, tastete mich in Gesprächen mit meinen Eltern an das Thema heran, dass ich mich noch immer verletzte, bekam einen Platz in einer Tagesklinik, öffnete mich Stück für Stück jenen, vor denen ich mich wieder einmal versteckt hatte, und landete schlussendlich in einer Verhaltenstherapie. Jetzt, mit 26, lerne ich, mit meinen Emotionen anders umzugehen. Über sie zu reden und zu schreiben. Ich verstecke mich nicht mehr und habe mich auch über ein Jahr lang nicht mehr selbst verletzt. Das klingt so wenig, finde ich. Aber dennoch bin ich stolz darauf.

Mittlerweile kann ich gut mit meinen Narben leben. Ich empfinde sie nicht als „schicksalsterminierend“, so wie es früher der Fall war. Früher dachte ich, dass mein Leben eh wertlos sei, eben weil ich vernarbt bin. Heute erkenne ich den Wert dessen, trotz der Narben nicht aufgegeben zu haben. Ich lebe trotz der Narben. Trotz dieser roten und lilafarbenen Linien auf meiner Haut habe ich Pläne. Und einige wichtige Lebensträume habe ich mir tatsächlich jetzt schon erfüllen können – Bella beispielsweise. Ich will glücklich werden. In der Erwachsenenbildung arbeiten, schreiben, am Meer wohnen. Und ich weiß, dass ich es kann. Weil ich mich selbst überwunden habe, indem ich aufgehört habe, mir absichtlich zu schaden, weiß ich, dass ich noch mehr schaffen kann.

Mein selbstverletztendes Verhalten hat Narben hinterlassen, einige, die kaum sichtbar sind, andere, die schon aus der Ferne unübersehbar sind. Und dennoch lebe ich mein Leben. Ich habe den ganzen Mist überlebt, der mir passiert ist. Ich lebe mein Leben trotz der Narben. Mit den Narben.