Vor einigen Monaten habe ich andere (ehemalige) Selbstverletzer dazu aufgerufen, mir für eine Blogreihe ihre Geschichte zu erzählen. Ihr Leben mit den Narben der Selbstverletzung. Wie sie damit umgehen, was sie trotz der Narben erreicht haben, was sie noch erreichen wollen. Ich wollte Stimmen Gehör verschaffen, die anderen Betroffenen Mut machen können. Dies ist Geschichte Nummer 5.

Wie schon bei meiner Geschichte, möchte ich euch auch bei dieser Geschichte bitten, euch genau zu überlegen, ob ihr wirklich etwas Kritisches dazu zu sagen habt. Und wenn ja, dann bitte ich euch, euch noch viel genauer zu überlegen, wie ihr das, was ihr sagen wollt, ausdrückt.

Da Selbstverletzung das Hauptthema dieses Beitrags ist und dieses Thema triggernd wirken kann, bitte ich euch darum, gewissenhaft zu reflektieren, ob ihr wirklich in der Verfassung seid, diesen Beitrag zu lesen.


Lange habe ich überlegt, ob ich mich an der Aktion von Hundetage & Hundstage beteiligen soll. Warum? Weil ich diesen Teil meiner Vergangenheit (ist es denn wirklich komplett Vergangenheit?) gerne ganz weit von mir weg halte. Weil ich weiß, dass das besser funktioniert, dass es mir besser geht, wenn ich ein gesundes Maß Abstand halte von dem ganzen Thema.

Das klingt nun so, als würde ich ignorieren. Das stimmt aber so nicht. Ich gebe dem Thema nur nicht mehr den Raum, den es einmal eingenommen hat. Weil es das nicht verdient. Weil es so viel mehr anderes gibt. Aber der Reihe nach.

Mit 14 Jahren habe ich angefangen, mich selbst zu verletzen. Meistens dann, wenn ich mich nicht wahrgenommen gefühlt habe. Das Gefühl, unsichtbar zu sein, nichts zu bedeuten oder auch missverstanden und falsch wahrgenommen zu werden, hat mir unglaublich wehgetan. Selten habe ich es geschafft, diesen Schmerz auszuhalten, mich dagegen zu wehren oder abzugrenzen. Die Lösung gegen Schmerz von innen war Schmerz von außen.

Ein tödlicher Unfall hat mir komplett den Boden unter den Füßen genommen. Traumatisiert und schockiert über das Leben wusste ich nicht mehr, wohin mit mir und wie ich noch weiter machen sollte. Gab es einen Hauch von Glück, wurde ich übermannt von Schuldgefühlen dafür, dass ich leben konnte, dass ich das alles genießen durfte, während anderen ihr Leben so brutal genommen wurde.

Schockierend im Nachhinein auch die Hilflosigkeit der anderen. Oft habe ich mich gefragt, warum es für mein Umfeld so unmöglich war, mir zu helfen. Heute weiß ich – weil es einfach nicht geht. Weil es weh tut, zu sehen, wie Leute, die dir am Herzen liegen, leiden, weil man einer anderen Person den Schmerz nicht nehmen kann. Und weil es nun mal in der Natur des Menschen liegt, sich mit Leuten zu umgeben, die Glück und Zufriedenheit ausstrahlen.

Zuerst dachte ich, das würde für mich bedeuten, ich müsste immer gut gelaunt sein. Und wenn die gute Laune nicht da ist, tja dann – muss sie einfach gespielt werden. Sonst mag mich ja keiner. Und ich werde unsichtbar. Was ja wieder das Problem verursacht. Ein Teufelskreis. Und unglaublich anstrengend.

Es kam, wie es kommen musste. Ich konnte die Farce nicht mehr aufrechterhalten. Tagsüber gab ich Vollgas im Job, es hat mich gepusht, Tag für Tag fremden Leuten zu helfen, ich wurde gesehen und ernst genommen. Gleichzeitig waren sie so eingenommen von ihrem eigenen Interesse, dass sie meine Show nicht durchschaut haben. Dadurch konnte ich mein Schauspiel immer mehr perfektionieren, bis am Ende nicht einmal mehr meine eigenen Freunde und Familie gemerkt haben, wie es in Wahrheit in mir aussah. Die Nachricht eines Freundes, der versucht hatte, seinem Leben ein Ende zu setzen, beendete meine Schauspielerei jedoch sofort. Ich saß im Büro und konnte von jetzt auf gleich nicht mehr sprechen. Die Tränen liefen mir das Gesicht herunter, der nächste Kunde wollte mich direkt zum Arzt bringen, aber ich konnte nur sitzen und starren.

Mein Chef hat mich nach Hause geschickt mit den Worten „kümmere dich bitte, dass es dir besser geht und komme erst dann wieder“.

So kam es zu meinem ersten Klinikaufenthalt. 12 Wochen. Unglaubliches Glück hatte ich mit der dortigen Ärztin. Sie fing mich auf, sie nahm mich ernst, sie half mir über all das, was ich selbst schon klein gemacht hatte und dennoch nicht handeln konnte, hinweg. Gleichzeitig schaffte sie etwas, was ich zum damaligen Zeitpunkt nicht konnte – sie grenzte sich ab. Sie machte klar – bis hierhin und nicht weiter. Ich gebe dir das Werkzeug, du baust. Die alten Steine der Ruine kannst du verwenden und etwas ganz Wunderbares daraus machen.

Damals konnte ich das nicht so sehen. Lange hat es gedauert. Jahre, die immer wieder durchzogen waren von ambulanten Therapien und stationären Aufenthalten. Die Steine der Ruine wollten einfach zu keinem Haus werden. Mein ganzes Universum wurde immer wieder durcheinander geworfen, überall bin ich angeeckt.

Und dann? Irgendwo in all dem Durcheinander hat sich etwas aufgetan. Ich habe so vieles gelernt. Dass du nicht allen gefallen musst, um nicht unsichtbar zu sein. Dass Beziehungen weiter gehen, auch wenn du einmal einen schlechten Tag hast oder anderen Dinge sagst, die ihnen nicht passen. Dass es Leute gibt, die dich mögen, so wie du bist. Die das bewundern, was du kannst. Dass du vielleicht einfach nicht im richtigen Umfeld bist, wenn du immer anders bist als alle anderen. Dass das aber dennoch nicht heißt, dass du deswegen alles hinwerfen musst. Sondern, dass du auch aushalten kannst. Und zwar immer mehr, je mehr du auf dich selbst achtest. Dich selbst achtest. Dich selbst hörst. Auf einmal waren Dinge möglich, die ich nie für möglich gehalten hätte. Je mehr ich auf mich achtete, je mehr Grenzen ich setze, umso mehr kristallisierte sich heraus, wer wirklich zu mir passte. Im Umkehrschluss brach ich durch die erhaltene Unterstützung zu völlig neuen Höhenflügen auf. Reisen, Auslandsaufenthalte, Konferenzen, Trainings und Meetings in englischer Sprache?

Es wäre nicht richtig zu sagen, kein Problem, denn so läuft es nun mal nicht im Leben. ABER: Es ging – mit jedem Mal besser. Und jedes Erfolgserlebnis hat mich nur noch mehr gepusht. Weil ich merkte, was ich alles kann. Dass ich mein Werkzeug nicht nur nutzen, sondern auch weiter entwickeln kann. Genauso wie meine Ruine. Dass ich Zimmer und Stockwerke bauen kann, von denen ich bisher nicht einmal zu träumen gewagt hätte.

Der Umzug zurück nach Deutschland und eine gleichzeitige Trennung haben mich abermals ziemlich aus der Bahn geworfen. Monatelang habe ich gelitten. Jeder Schritt war unglaublich schwer und ich konnte mich einfach nicht lösen von der gefühlt perfekten Vergangenheit. Dennoch war ich in der Lage, nicht komplett zu fallen. Einen entscheidenden Auslöser brachte ein Termin bei einer Therapeutin. Bereitwillig hatte ich am Telefon sämtliche Diagnosen angegeben. Als ich dann live vor ihr saß, sagte sie als erstes zu mir „Bei einer solchen Liste hatte ich etwas ganz anderes erwartet.“ Nach dem ersten Gespräch wusste ich – ich wollte das nicht mehr. Ich wollte das Therapieren der Vergangenheit angehören lassen. Mich besinnen auf meinen Werkzeugkoffer. Ich schaffe das: Mich selbst immer wieder hoch zu ziehen. Wenn es einmal geklappt hatte, warum dann nicht wieder? Ich hatte es in der Hand. Ich kann bauen, was ich möchte.

Verletzt habe ich mich übrigens nicht mehr. Als es mir nach den Klinikaufenthalten besser ging und ich wusste, dass ich heil bleiben wollte, habe ich mir den Unterarm tätowieren lassen. Als Erinnerung. Für den Fall der Fälle und den schlechtesten Moment. Das Bild zu zerstören hätte ich nie übers Herz gebracht.

Natürlich gab es immer wieder Phasen, in denen ich schwierig wusste, wie ich es kanalisieren sollte. Letztendlich hat mir aber auch da wieder der Werkzeugkoffer geholfen.

Wie sieht es heute – wieder einige Jahre später – aus? Natürlich geht es mir nicht immer gut. Ich hänge mal durch. Ich mache mir Gedanken. Zu viele in anderer Leute Augen. Aber: ich weiß, dass die schlechte Laune vorüber geht. Ich weiß, dass ich das besitze, was einen alles verändert lässt: Mut und Kraft. Und ich weiß, dass ich stolz bin. Auf das, was ich bisher geschafft habe. Auf das, was ich bin. Das Thema werde ich weiterhin mit Distanz behandeln. Weil es damit auch bleibt, wo es hingehört. Und: ich beuge vor. Merke ich, es wird zu laut, ich werde zu laut, dann organisiere ich mir kleine Fluchten. Reisen, Yoga, spazieren gehen im Wald, Kaffee, malen, Musik. Was auch immer mir gut tut, wird gemacht. Denn: es ist mein Leben. Ich kann damit machen, was ich will. Und darüber bin ich sehr, sehr glücklich!