Vor einigen Monaten habe ich andere (ehemalige) Selbstverletzer dazu aufgerufen, mir für eine Blogreihe ihre Geschichte zu erzählen. Ihr Leben mit den Narben der Selbstverletzung. Wie sie damit umgehen, was sie trotz der Narben erreicht haben, was sie noch erreichen wollen. Ich wollte Stimmen Gehör verschaffen, die anderen Betroffenen Mut machen können. Dies ist die sechste Geschichte.

Wie schon bei meiner Geschichte, möchte ich euch auch bei dieser Geschichte bitten, euch genau zu überlegen, ob ihr wirklich etwas Kritisches dazu zu sagen habt. Und wenn ja, dann bitte ich euch, euch noch viel genauer zu überlegen, wie ihr das, was ihr sagen wollt, ausdrückt.

Da Selbstverletzung das Hauptthema dieses Beitrags ist und dieses Thema triggernd wirken kann, bitte ich euch darum, gewissenhaft zu reflektieren, ob ihr wirklich in der Verfassung seid, diesen Beitrag zu lesen.


Hallo, liebe Interessierte. Mein Name ist Frau Tabs und ich bin 25 Jahre alt. Ich bin seit langer Zeit psychisch krank – ich habe Depressionen und Borderline. Das Krank-Sein begleitet mich nun seit etwa 10 Jahren, das Anders-Sein schon mein ganzes Leben lang. Aber darum soll es nicht gehen. Ich wurde gebeten, über ein bestimmtes Kapitel meiner Geschichte zu erzählen – über meine Selbstverletzung.

Ich habe mich mit 13 Jahren das erste Mal bewusst selbst verletzt. Ich sage extra „bewusst“, weil ich mir schon früher automatisiert geschadet habe, indem ich Mückenstiche, Kratzer, Pickel oder ähnliches aufgekratz, –geknibbelt und anderweitig manipuliert habe, oder meine Nägel bis zum Anschlag abgekaut habe. Das scheint für einige keine große Sache zu sein, trotzdem sollte man sich darüber im Klaren sein, dass auch solche vermeintlich „kleinen“ Dinge eine Form der Selbstverletzung sind. Bewusst habe ich mir aber wie gesagt das erste Mal mit 13 Jahren wehgetan, indem ich mich – manche mögen es als „Klassiker“ bezeichnen – geschnitten habe. Erst mit Scheren oder Scherben, später mit Rasierklingen. Aus Angst, dass jemand davon etwas mitbekommen könnte, habe ich eine ganze Zeit nur noch Kleidung mit langen Ärmeln getragen, bis ich die Selbstverletzung dann auf meine Oberschenkel verlagert habe. Das hat im Endeffekt dazu geführt, dass man mir kaum ansieht, was ich meinem Körper mal angetan habe. Die Narben auf den Armen sind ganz fein und eigentlich nur sichtbar, wenn man weiß, wonach man suchen muss. Die Narben an den Oberschenkeln sind schon deutlicher, allerdings habe ich mir in den letzten zwei Jahren Tattoos darüberstehen lassen.

Wie oft hört man Sätze wie: „Man kann ruhig dazu stehen!“ Das stimmt – prinzipiell. Aber die Wahrheit ist, dass das verdammt schwierig ist. Ich habe mich lange Zeit für meine Narben geschämt. Ich wollte keinen Bikini und keinen Badeanzug anziehen, weil ich immer dachte, ich würde angestarrt werden. Daher die Tattoos.

Und andererseits wollte ich damals, dass man die Verletzungen sieht. Ich wollte ja Hilfe. Und trotzdem habe ich sie immer versteckt. Hilfe wollen und irgendwie auch nicht wollen.

Heute ist es schon anders. Das Schneiden ist so gut wie kein Thema mehr – die Selbstverletzung leider schon. Noch bin ich nicht davon los, aber es wird weniger. Mittlerweile passiert mir das nur noch im Autopiloten, wenn ich extrem verzweifelt bin. Meine Selbstverletzung beschränkt sich nun auf kratzen, beißen und schlagen – das macht es nicht besser, ist für mich aber besser zu kontrollieren, weil das Suchtpotential bei weitem nicht so hoch ist.

Warum erzähle ich das? Ich weiß, wie verzweifelt ich als Jugendliche war, nicht weiter wusste, nicht wusste wo oben und unten ist. Und so wie mir damals geht es so vielen anderen. Ich möchte Mut machen! Ich bin noch nicht komplett weg von dem Thema und ich bin auch bei weitem nicht gesund. Aber man kann lernen damit zu leben! Und man kann lernen, das Leben ohne Selbstschädigung zu meisten!

Ich bin seit vielen Jahren in ambulanter Psychotherapie, bekomme Medikamente, war ein paar Tage notfallmäßig auf einer psychiatrischen Station und in zwei Tageskliniken. All das hat es gebraucht, bis ich gelernt habe, anders mit meiner Anspannung umzugehen. Anders meine Gefühle zu äußern. Anders um Hilfe zu bitten. Der Weg war furchtbar lang und hart, hat wehgetan und oft war ich davor aufzugeben – und doch habe ich weiter gemacht. Für andere, meine Familie, meinen Mann – aber vor allem für mich!

Egal, was einem im Leben passiert ist – das Leben geht weiter. Und das ist auch gut so. Das Leben hat viele, viele schöne Dinge zu bieten, für die es sich zu leben lohnt. Aber vor allem sollte man es für sich machen! Jeder Mensch ist wertvoll und sollte gut mit sich umgehen. Körper und Seele sind einfach miteinander verbunden, sie brauchen einander. Wenn man den Körper schädigt, tut das auch der Seele weh. Und starker Seelenschmerz führt zu Anspannung, die sich in Selbstverletzung entladen kann. Ein Teufelskreis, der sich aber durchbrechen lässt.

 

Meine Message: DU MUSST DAS NICHT ALLEIN SCHAFFEN! Du darfst dir Hilfe suchen. Frag dich nicht lange, ob du überhaupt „krank genug“ für eine Klinik oder Therapie bist! Vergleiche dein Schicksal nicht mit dem von anderen! Es geht nur um dich und wenn es dir schlecht geht, du oft traurig bist, dich missverstanden fühlst und dir nicht anders zu helfen weißt, als dir weh zu tun, dann brauchst du Hilfe. Du verdienst sie! Denn du verdienst ein schönes, gesundes und vor allem schmerzfreies Leben!

 

Steckbrief

Name: Frau Tabs

Alter: 25 Jahre

Familienstand: Verheiratet (JA, das geht auch wenn man krank ist! Es gibt Menschen, die einen so lieben, wie man ist – ob krank oder gesund!)

Chronik der Selbstverletzung: das erste Mal bewusst mit 13 Jahren bis heute, also etwa 12 Jahre

Beruf: Ich habe einen helfenden Berufsweg gewählt, habe Sozialpädagogik studiert, bin Entspannungspädagogin und arbeite nun im pädagogisch-pflegerischen Bereich, möchte aber auf Dauer in die Beratung oder Therapie wechseln. Das ist schwierig, wenn man selbst krank ist, aber nicht unmöglich. Du möchtest helfen? Mach es. Sei dir aber im Klaren darüber, dass man mit viel Leid konfrontiert wird – stabilisiere dich am besten zunächst und probiere in verschiedenen Praktika aus, ob dieser Weg für dich der Richtige ist.

Leidenschaft: Meine große Leidenschaft ist mein Blog und mein Instagramaccount (www.16tabs.de und @16tabs_borderline_blog), mit denen ich anderen Betroffenen helfen und Mut machen möchte. Ein Leben mit psychischen Störungen ist kein schlechtes Leben – es ist schwierig und oft schmerzhaft, aber ich möchte anderen zeigen, dass das Leben trotzdem seine schönen Seiten hat. Außerdem möchte ich aufklären und Vorurteile abbauen. Ich lerne auch wahnsinnig gerne, lese Bücher über psychische Störungen und möchte mich noch weiter fortbilden. Ich mache gerne Sport, bin lange Zeit geritten und habe seit kurzer Zeit einen Welpen, der mich ordentlich auf Trab hält. Ansonsten verbringe ich so viel Zeit wie möglich mit meinem Mann und meiner Familie. Lesen, Musik und Tattoos stehen ganz oben auf meiner Oh-Gott-wie-geil-ist-das-denn-?-Liste.