Vor einigen Monaten habe ich andere (ehemalige) Selbstverletzer dazu aufgerufen, mir für eine Blogreihe ihre Geschichte zu erzählen. Ihr Leben mit den Narben der Selbstverletzung. Wie sie damit umgehen, was sie trotz der Narben erreicht haben, was sie noch erreichen wollen. Ich wollte Stimmen Gehör verschaffen, die anderen Betroffenen Mut machen können. Die sechste Geschichte stammt von einer für euch anonymen Autorin, einer ehemaligen Selbstverletzerin, die hiermit das erste Mal so offen und ausführlich über ihre Selbstverletzung schreibt. Schreiben ist für sie außerdem noch etwas komplizierter als für jeden anderen, den ich kenne – sie zählt nämlich die Buchstaben. Sie zählt und rechnet und liest und schreibt. Alles gleichzeitig.

Wie schon bei meiner Geschichte, möchte ich euch auch bei dieser Geschichte bitten, euch genau zu überlegen, ob ihr wirklich etwas Kritisches dazu zu sagen habt. Und wenn ja, dann bitte ich euch, euch noch viel genauer zu überlegen, wie ihr das, was ihr sagen wollt, ausdrückt.

Da Selbstverletzung das Hauptthema dieses Beitrags ist und dieses Thema triggernd wirken kann, bitte ich euch darum, gewissenhaft zu reflektieren, ob ihr wirklich in der Verfassung seid, diesen Beitrag zu lesen.


Irgendwann geht es an den Bauch, welchen man ja eh nicht leiden kann, an die Beine und Hüfte, an die Füße.

Nicht nur, weil die Arme keinen Platz mehr bieten – nein, auch weil man gemerkt hat, dass man so die Gefahr verringern kann, erwischt zu werden. Die Gefahr, dass alles rauskommt. Die Gefahr, dass man fragenden Blicken ausgesetzt wird und keine Antworten geben kann, da man keine plausiblen finden wird. Erwischt werden.

Auch die Art des „Wie“ wird mit der Zeit professioneller: Benutzte ich am Anfang quasi alles zur Verletzung, was ich  auffinden konnte, so habe ich mit den Jahren dann darauf geachtet, ordentlich zu „arbeiten“. Dies bedeutete für mich scharfe Klingen, welche aber sauber waren.

Man senkt so das Risiko von Infektionen, somit auch die Gefahr von Arztbesuchen, wenn es gar nicht mehr abheilt, schützt vor unangenehmen Fragen und vorwurfsvollen Blicken. Die Gefahr erwischt zu werden ist zwar immer noch allgegenwärtig, aber sie verringert sich. Man macht sich nicht mehr 24/7 am Tag darüber Gedanken, welche Ausreden man hervorbringen kann oder wie man manche Situationen aus dem Weg gehen kann.

Begonnen hat es, da war ich jung. Sehr jung sogar.

Quasi im Kindesalter. Aus unerklärlichen Gründen habe ich es gemocht, meinen Kopf vor die Wand zu schlagen. Anscheinend in Momenten, in denen es mir nicht gut ging. Anscheinend manchmal aber auch einfach so. Ohne Grund.

Dies kam auch nachts vor, wenn ich im Bett lag. Meine Eltern haben dies mitbekommen, aber man hat es nicht also so ernst angesehen. Es gab ja ein Kissen und man hoffte, dass ich mir nicht eines nachts den Schädel an der Bettkante aufschlagen würde. Manchmal zeige ich dieses Phänomen heute noch, wenn ich eigentlich am schlafen bin. Unterbewusst nehme ich dies auch dann wahr. Aber es ist zum Glück wirklich selten geworden.

Mit circa sechs Jahren saß ich zwar vor dem ersten Psychologen, aber auch dieser nahm diesen Aspekt wohl nicht ernst. Die Thematik lag damals woanders.

Später folgte das Kratzen und Haareziehen.

Mit circa 10 oder 11 Jahren griff ich das erste Mal zu einem scharfen Küchenmesser, so ein altes Obstmesser mit Holzgriff. Damit führte ich mir die wohl ersten bewussten Schnitte zu.  Es waren nicht nur einer oder zwei, nein ich habe mir direkt beide Unterarm zerschnitten.

Das erste mal in meinem Leben habe ich ein Gefühl von Geborgenheit gespürt, von Zuhause.

Das Messer legte ich zurück, ein plötzliches Verschwinden davon wäre meiner Mutter mit Sicherheit mehr aufgefallen, als die Tatsache, dass ihre Tochter im Hochsommer nur Pullover trägt. Risiko vermeiden.

Irgendwann verletzte ich mich nicht nur Zuhause in meinen vier Wänden, nein, auch unterwegs musste ich dieser Sucht nachgegeben, wenn der Druck zu groß war.

Wenn Kratzen nicht mehr ausreichte, dann kam es vor, dass ich während der Schulzeit den Unterricht kurz verließ, mit auf dem Schulklo den Körper blutig schnitt um danach still und leise zurück in die Klasse zu huschen. Aufgefallen ist es offiziell nie.

Da mein Kleidungsstil damals sehr gruftig angehaucht war, trug ich oft schwarz und lange Sachen, das gab mir noch mehr Schutz und Möglichkeiten, meine Wunden zu verstecken. Auffällig unauffällig eben.

Bis ich einen schwerwiegenden Fehler machte. An einem Wochenende, an dem ich alleine Zuhause war: Im Bad verletzte ich mich sehr stark selber, die Fliesen machten es mir möglich, sämtliche Spuren zu beseitigen. Diesmal war ich aber unbedacht und vergaß ein Stück einer Rasierklinge wohl irgendwo.
Dies fiel mir selber nicht auf – wohlgemerkt aber meiner Mutter einen Tag später.

Sie stürmte damals in mein zimmer und forderte mich auf, ihr meine Arme zu zeigen.

Ich schrie, ich weinte, ich warf mich auf den Boden – um mich Schlussendlich geschlagen zu geben und ihr meine Arme zeigen zu müssen.

Diesen Blick meiner Mutter werde ich nie vergessen.

Mir wurde eine neue Therapeutin gesucht, welche mich – sowie auch meine restlichen Familie – ziemlich enttäuscht hatte. Das sehen meine Eltern heute immer noch genauso und mir wurde auch aus anderen Quellen versichert, dass es damals nicht okay war, wie es ablief bei der Dame.

Aufgrund eines totalen psychischen Zusammenbruchs war ich dann mehrmals freiwillig auf der geschlossenen Station, hab es damals aber nie lange dort ausgehalten. Bis meine Eltern mich zwangseinweisen lassen haben. Vor Gericht mit den Eltern, weil die Tochter nicht mehr klar kam.

Wirklich viel brachten mir diese Monate in der Klinik ehrlich gesagt nicht. Man thematisierte eher, dass ich nicht in der Lage war, die Schule zu besuchen, da ich völlig mit mir selber überfordert war.

Öfters gab es auch die Situation, dass ich Zuhause so tief schnitt, das mir selber klar wurde, dass ich einen Arzt brauchen würde.

Ich werde nie das Szenario vergessen, als meine Mutter mich ins Krankenhaus fahren musste, da ich eine sehr schlimme Wunde hatte. Meiner Mutter muss ich lassen, dass sie wirklich entspannt reagiert hat und eine Ruhe auf mich ausgestrahlt hat. Ich denke, sie war sehr froh über meine Ehrlichkeit. Sie selbst ist zwar Medizinische Fachangestellte gewesen und war sich deswegen bewusst, dass ich dringend zum Arzt musste.

Der Arzt im Krankenhaus hätte auch mal lieber an einer Schulung teilnehmen sollen, welche ihm klar macht, wieso Menschen so etwas tun. Wir haben ihm direkt erläutert, dass ich das selber war, dass ich in Therapie bin und so weiter… absolut keine Empathie der Herr, absolut daneben benommen. Ärzte? Nein danke!

Therapie folgte auf Heim oder Jugendhilfe, mit 17 endlich alleine gewohnt,  dann wieder in Therapie. Bis heute. Aber auch wegen anderen Problemen.

Heute bin ich eine ehemalige Selbstverletzerin. Zumindest was das Zufügen von Verletzungen am Körper angeht. Mein Herz verletzen, ja, das kann ich wie eh und je.

Der Weg dahin war hart. Den Weg dahin kann ich nicht mal erklären. Ich denke nicht, dass eine der vielen Therapien bei mir wirklich angeschlagen hat. Ich weiß bis heute nicht, warum ich damit aufhören konnte.

Probleme sind nach wie vor da und werden es wohl auch immer bleiben. Ohne Medikamente werde ich keinen auch nur im Ansatz normalen Alltag leben können zur Zeit – aber ich denke, ich habe einen Weg gefunden um im Augenblick halbwegs „gut“ leben zu können. Ich lebe nach außen hin ein halbwegs normales Leben und ich denke, kaum einer würde so ahnen, wie es in mir aussieht. Ich wirke meist eher lebensfroh und humorvoll. Danke an meinen Humor, der mich alles hat überstehen lassen.

Der Druck ist heute noch da, ganz klar. Er hat mich all die Jahre nie komplett verlassen. Aber irgendwo her kam eine Energie, ich definiere es sogar als Wut, es aushalten zu können und mir nicht ins Fleisch zu schneiden, sondern meine Gefühle auch anders spüren zu dürfen.  Was oft schwer auszuhalten ist – eine meiner Diagnosen lautet Borderline.

Ich bin nun seit circa 7 Jahren frei davon. Ich bin 27.

Menschen reagieren auf Narben. Ich bin stolz auf jeden einzelnen, der sie frei tragen kann.  Das konnte ich leider irgendwie nie. Mir lag nicht, über solche Dinge zu sprechen, wenn Leute meine Narben entdeckt hatten. Ich gehe solchen  Situationen lieber aus dem Weg, da ich Angst habe, damit nicht umgehen zu können. Zwischenmenschliche Dinge sind ja eh nicht so meins.

Letztes Jahr habe ich mir den Teil meiner Haut, wo es noch am auffälligsten war nach all der Zeit, tattoowieren lassen. Es war schwer jemanden zu finden, der sich daran traut. Aber ich habe jemanden gefunden.

Sabrina, unsere Schreiberin hier, hat mich damals sogar begleitet. Stunden hat sie mit mir gewartet bis das Motiv fertig war auf einer Convention.


Für mich war es irgendwie eine Befreiung. Seitdem fühle ich mich deutlich wohler in meiner eigenen, bunten Haut.

Sie sind nicht unsichtbar, aber sie springen auch nicht mehr direkt ins Auge. Und trotzdem sind sie noch da und ein Teil von mir. Und werden es auch immer bleiben. Es ist mein Leben, nicht das meiner Diagnosen.

Eine ehemalige Selbstverletzerin.