Wir leben in einer Nachbarschaft. Wir haben sie alle: Direkte Nachbarn, indirekte Nachbarn, laute Nachbarn, leise Nachbarn, scheintote Nachbarn, nörgelnde Nachbarn, „In Ordnung“-Nachbarn, hilfsbereite Nachbarn, nette Nachbarn, junge Nachbarn, alte Nachbarn, Nachbarn, die im gleichen Haus wohnen, Nachbarn, die ein Haus weiter wohnen oder Nachbarn, die als solche kaum erkennbar sind, da sie bloß irgendwo auf der gleichen Straße wohnen. Sie sind alle da. Und sie sind (fast) alle nervig.

Da wären die direkten Nachbarn: Direkte Nachbarn sind jene, die quasi alles hören können. Man kann nicht in Ruhe in der Wohnung (oder auf der Wiese hinter dem Haus) mit dem Hund spielen, ohne Angst haben zu müssen, dass ein hündisches Geräusch wie ein spielerisches Brummen oder gar ein freudiges Wuffen die Nachbarn auf die Palme bringt und sie auf der Matte stehen. Das ist zwar noch nicht passiert, aber die Angst ist da.

Schön ist es übrigens auch, wenn man gerade keinen direkten Nachbarn hat, die Wohnung des früheren Nachbarn jedoch renoviert wird. Wieso das schön ist? Nunja, das Renovierungsprozedere kann sich über Monate erstrecken, es macht Lärm und Dreck, der Hund kann tagsüber nicht schlafen, weil dauernde Bohrgeräusche sie aus der Ruhe bringen, und ich kann nicht arbeiten, weil dauernde Bohrgeräusche mich rasend machen. Ernsthaft. Ich werde dann richtig unleidlich.

Laute Nachbarn sind auch was Tolles, denn sie haben den wunderbaren Nebeneffekt, dass sie die letzten sind, die sich über einen bellenden Hund beschweren dürfen. Ha! Ein Pluspunkt! Dafür sind sie eben, naja, laut. Gerne verknüpft sich so ein lauter Nachbar mit einem grauenvollen Musikgeschmack oder einem Hang zu kommentierten Killer-Videospielen. „BÄÄÄÄÄBÄÄÄBÄÄÄÄÄM!“ „HEEEEEEEADSHOOOOT!“ – äh, ja, Ihnen auch eine gute Nacht.

Scheintote Nachbarn dagegen sind unhörbare Gesellen, die man quasi nie, also wirklich so gar nicht hört und erst recht nicht sieht. Sie benutzen weder ihren Balkon, noch fahren sie jemals ihr Auto von ihrem 50 Jahre lang gemieteten Parkplatz weg. Im Hausflur sind sie nie zu sehen – aber der Geruch ungelüfteter Räume dringt langsam durch den schmalen Spalt unter der Wohnungstür, der ab und an zudem durch einen winzigen Lichtschein erahnen lässt, dass dort tatsächlich noch jemand wohnt. Aber Vorsicht: Scheintot nicht mit wirklich tot verwechseln! Ist mir schon passiert, war nicht so richtig lustig.

Dann hätten wir noch das Exemplar „indirekte Nachbarn aus dem gleichen Haus, die oberflächlich nett, aber innerlich die größten Biester überhaupt“ sind. Dieser Typus ist dadurch gekennzeichnet, dass er „Ach, die süße Bella“-säuselnd am Junghund vorbei geht, ein möglichst verständnisvolles Grinsen aufgesetzt hat und dann, in vermeintlich unbeobachteten Momenten lästernd mit den neuen Nachbarn vor der Wohnungstür steht. Yeay!

Die neuen Nachbarn machen zunächst gern konsequent einen Bogen um den noch unbekannten Hund – sicher ist sicher – und quetschen einen dann über die Gepflogenheiten im Haus aus. Wer bellt, äh, putzt wo? Und wann? Und, ehm, bellt Ihr Hund immer, wenn ich durch den Hausflur gehe? Nö, nur wenn der Hund im Wohnzimmer sitzend hört, dass das Frauchen sich außerhalb seines Sichtfeldes, aber dennoch hörbar mit einer ihm fremden Stimme unterhält. Aber gut, neue Nachbarn sind eben neu (und nicht zwangsläufig mit Perwoll gewaschen).

Grandios sind auch die superobermega-hundeerfahrenen, allwissenden, zu omnipotenten Hundetrainern geborenen, hundehaltenden Nachbarn. In unserem Falle handelt es sich dabei (glücklicherweise) um indirekte Nachbarn aus neben- oder gegenüberliegenden Häusern, die wir nur selten treffen, doch ein jedes Treffen ist ein Hochgenuss an geringschätzender Herablassung. Grundsätzlich ist es so, dass Bella

  1. „noch immer so wuselig ist wie ein Welpe!“
  2. „kein Benehmen hat!“
  3. „nicht genug Auslauf bekommt!“
  4. „eine härtere Hand braucht!“
  5. „dringend mal auf den Boden gedrückt werden muss!“
  6. „verhaltensauffällig ist!“

Der eigene Hund hingegen ist die Perfektion auf vier Pfoten. Ich denke da nur an die böhmische Schäferhündin, einige Monate jünger als Bella, die der hundeerfahrenen Nachbarin vom anderen Ende der Straße gehört: Als Welpe bellte sie andere Hunde an, wenn sie ihnen an der Leine begegnete, und wurde daraufhin mit Schellen beworfen, ausgeschimpft und schließlich mit einem Vibrationshalsband bestraft. Mittlerweile ist sie leinenaggressiv, bellt und knurrt Mensch und Hund an – aber Bella ist ja das Problem. Oder die riesige Promenadenmischung vom Haus gegenüber: Ein alter Hund, der gut 10 Jahre Zeit hatte, alles Mögliche zu lernen – aber Bella, die mit ihren 2 Jahren noch nicht ohne Leine durch die Siedlung laufen kann, ohne irgendjemandem „Hallo“ sagen zu wollen, ist ja unerzogen. Sie müsste ja schon so weit sein – wie ein Hundesenior? Wie ein Hund mit einem vollkommen anderen Charakter? Eh, ja, klar. „Schauen Sie mal, Sie müssen sie so auf den Boden drücken…“, sagte die Halterin einst und schon lag mein (damals noch) Welpe flach auf dem Asphalt, schneller als ich, sozial ja sowieso etwas unbeholfen, etwas sagen geschweige denn mich oder meinen Hund wehren konnte. Währenddessen jagte die riesige Promenadenmischung ihrem eigenen Schwanz hinterher. Oder der French Bulldog aus dem Nachbarhaus, der Bella immer nur fies anbellt – der will ja nur spielen, man könne also nicht verstehen, wieso ich mit meinem Hund einen Bogen um ihn mache. Ich dumme kleine Göre, ich!

Ich habe jedoch auch zwei hundelose Lieblingsnachbarkategorien.

Da wäre zum einen die Hundehasserin: Eine „grantige alte Schachtel, die zwei Häuser weiter wohnt“-Nachbarin, die Bella bzw. Hunde im Allgemeinen hasst wie die Pest. Die „gute Frau“ ist bestimmt 90 Jahre alt, fällt also prinzipiell unter die Kategorie „scheintote Nachbarn“ – allerdings bewegt sie sich immer zuverlässig dann, wenn ein Hund den von ihr heiliggesprochenen Rasen unterhalb ihres Balkons, der aber weder „ihre Wiese“ noch „ihr Garten“ noch sonst irgendwas von „ihr“ ist, betritt und es wagt, seinen Hintern dem Erdboden zu nähern. Scheißt ein Hund auf den heiligen Rasen, lässt die „gute Frau“ Schimpftiraden sondergleichen hören, besteht darauf, dass es dem entsprechenden Hundehalter an nötiger Disziplin oder Intelligenz fehlt, dass man viel zu wenig oder gar keine Hundesteuer zahle oder aber dass einem die Scheiße ins Gesicht geworfen werden sollte – vollkommen unabhängig davon, ob man brav mit dem Kotbeutel in der Hand neben dem Haufen des Hundes steht oder nicht.

Zum anderen haben wir es mit dem „Hundenarren, der selbst leider keinen Hund hat“ zu tun. Ihm (und seiner Tochter) begegnen wir regelmäßig morgens, wenn er sie zur Schule bringt. Man möchte meinen, das Kind bräche in quietschenden Begeisterungsrufen aus, sobald es Bella entdeckt – doch es ist der Vater, der quietscht. Wann und in welcher Situation er Bella sieht, ist vollkommen egal, denn er schafft es jedes Mal auf neue, sich selbst in seiner Tonhöhe zu übertreffen (wäre da nicht die Tochter, ich würde ihn für einen Kastraten halten) und Bella dadurch vollkommen wild zu machen: Ob er und Bella auf unterschiedlichen Straßenseiten stehen, er im Auto oder sie auf dem Balkon sitzt, durch laute „BELLA BELLA BELLA BELLAAAAAA! SÜÜÜÜÜÜÜÜÜSSEEEEEEEEEEEEEE!“-Rufe habe ich binnen Sekunden einen zappelnden Aal an der Leine oder über der Balkonbrüstung hängen, der nur eines will: Knuddeln. SOFORT. Nach solchen übersüßen „Angriffen“ braucht Bella in der Regel 5 bis 15 Minuten, um wieder ruhig zu werden.

Ich erinnere mich noch dunkel daran, einmal in einem Diktat in der Grundschulzeit „Nachtbar“ statt „Nachbar“ geschrieben zu haben. Vielleicht wollte mir mein Unterbewusstsein ja eine Lösung für zukünftige, unglücksselige Nachbarschaftsverhältnisse aufzeigen…?