Heute Morgen um 8 Uhr fing mein erster Tag in der Tagesklinik an: Im bereits gut gefüllten Gemeinschaftsraum wurde mir von einer Mitpatientin ein Platz gezeigt, auf den ich mich setzen konnte, und kurz darauf kamen zwei oder drei andere Mitpatientinnen rein, die die Tische deckten – ein guter Start in den Tag beginnt eben mit einem Frühstück.

An dem Tisch, an dem ich saß, saß noch eine weitere Frau und zwei Männer, alle drei waren in der letzten Woche in die Tagesklinik gekommen. Der eine von beiden Männern recht aufgeschlossen, fragte, was mich in die Klinik führte, der andere eher ein Berufszyniker, der mich mit den Worten „Na, auch verrückt?“ ansprach. Jap, das bin ich wohl.

Mein Brötchen mümmelnd saß ich dort, blickte von einem zum anderen, während dann und wann andere Patienten vorbei kamen und sich mir vorstellten. Mehr als einen Namen merken konnte ich mir aber noch lange nicht.

Gegen 9 Uhr ging es rauf in einen großen Therapieraum im ersten Stock der im Altbau gelegenen Tagesklinik: Der Montag startet wohl immer mit einer großen Runde, in der alle von ihrem Wochenende berichten, sagen, wie es ihnen geht und ihre Ziele [in Bezug auf die Tagesklinik; Ich hab was von „Dass Sie Ihre Freunde treffen wollen, wird der Krankenkasse als Ziel nicht ausreichen“ gehört – wird da vielleicht mit geschrieben und berichtet? So ganz hab ich das nicht mitbekommen.] für die kommende Woche aussprechen. Hui. Mir war freigestellt, auf alles zu antworten, denn ich sollte erstmal ankommen. So lauschte ich einem nach dem anderen, Männern und Frauen jeden Alters, die ihre derzeitige Gefühlslage von 1 bis 10 bewerten sollten, wobei 1 sehr schlecht und 10 sehr gut war. 4 war die häufigste Antwort. Auweia. Als ich an der Reihe war, zumindest mal ein paar Worte zu sagen, brachte ich nur ein wenig Gestammel darüber, dass ich gar nicht genau wisse, wie ich mich gerade fühlte, heraus – aufgeregt, nervös, froh, den Schritt gewagt zu haben, aber eben doch wieder ängstlich. Uff. Was war ich froh, als ich wieder die Klappe halten und den anderen zuhören durfte.

Anschließend ging es wieder abwärts – also, wieder runter in den Gemeinschaftsraum. Ich hatte noch keinen Therapieplan, keine Unterlagen ausgefüllt und wusste überhaupt nicht so recht, was ich machen sollte, als eine Mitpatientin zu mir gelaufen kam und mich wieder mit nach oben nahm – zum autogenen Training. Ach herrje, ja, das hab ich schon mal gemacht. Vor etwas mehr als 6 Jahren, während der Abivorbereitung, da hatten wir einen Kurs bei Christian Mörsch in unserer Schule. Lange, lange her. Wir [5 Patienten] bekamen vom Therapeuten die Anweisung, uns auf die vordere Kante des Stuhls zu setzen, die Augen zu schließen und uns 4 bis 5 Mal den Satz „Ich bin ruhig und entspannt“ gedanklich zu sagen. Danach sollten wir „Meine Hand ist angenehm schwer“ ebenfalls 4 bis 5 Mal zu je einer Hand sagen, das gleiche Spiel für die Füße. Nach fünf Minuten holte uns der Therapeut wieder zurück unter die Sehenden. Fünf Minuten, die mir wie eine kleine Ewigkeit vorkamen, in der der kleine miese Kobold in meinem Kopf immer wieder sagte „NÖÖÖÖÖÖÖ! Du bist nicht entspannt! Und ruhig schon mal gar nicht! Und deine Füße sind NICHT leicht wie Federn! Ätschibätsch!“. Na, danke. Das war es dann auch schon mit dem autogenen Training – für heute jedenfalls.

Treppab ging es wieder zurück in den Gemeinschaftsraum – vorher holte ich mir jedoch noch die Unterlagen ab, die ich auszufüllen hatte. „Der Arzt holt Sie dann als nächstes ab!“ – oookay. Mit Feuereifer machte ich mich daran, die gesammelte Papierflut durchzulesen und den 15 Seiten langen Fragebogen nach bestem Wissen und Gewissen zu beantworten. Fragen wie „Was führt Sie zu uns?“, „Wo liegen Ihre Stärken/Schwächen?“ oder „Welchen Schulabschluss haben Sie?“ gaben sich mit „Nehmen Sie Drogen?“ und „Trinken Sie Alkohol?“ die Klinke in die Hand.

Stunden strichen dahin, das Mittagessen kam und ging, doch was nicht kam war der Arzt. Hm.

Nach dem Mittagessen folgte der Austausch zwischen uns Verrückten: Neben der gemeinsamen Besprechung der Wochenziele hat sich jeder nochmal kurz vorgestellt und einige Minuten von seinen Problemen berichtet. Von erlebten Traumata bis Übereifrigkeit und fehlendem Ruhigsein bis hin zu beschissenen Arbeitsbedingungen und Schwierigkeiten in der Familie war alles dabei. Au Backe. Auch ich stellte mich vor. Meine Stimme zitterte, während ich erzählte, um welche Probleme es bei mir ging. Ich suchte mir eine Mitpatientin aus, die mir besonders sympathisch war, und versuchte, möglichst nur ihr zu erzählen, warum ich dort bin, und die anderen ein bisschen auszublenden. Ich erzählte, dass ich irgendwie Angst vor fremden Menschen habe. Dass das vor allem dann der Fall ist, wenn ich diese fremden Menschen vor mir sehe, ließ ich in meiner Aufregung weg.

Anschließend wurden die Dienste verteilt – jeder packt in der Tagesklinik mit an, sei es nun, ob er sich eine Woche lang um das Leeren des Aschenbechers kümmert, Blumen gießt oder die Wäsche einsammelt. Interessant ist, dass bei der Verteilung solcher Aufgaben ziemlich deutlich wird, wie einzelne Menschen ticken.

Es war bereits 15 Uhr, meinen Fragebogen hatte ich ausgefüllt, und noch immer war kein Arzt in Sicht. Ich wollte mich schon zu meiner Gruppe in die Ergotherapie setzen, obwohl ich heute noch gar nicht so richtig dabei sein sollte, als mich die Oberärztin rufen ließ. Hui, ein Arzt, das scheue Wesen ließ sich blicken! Wieder ging ich in den ersten Stock, wo die Ärztin mit den strahlend blauen Augen schon auf mich wartete. Sie wolle einfach mal alle Patienten kennen lernen, daher sollte ich vorbei kommen. Nach einigen Fragen ihrerseits und den entsprechenden Antworten meinerseits wurde ich mit den Worten, gleich nochmal zum Gespräch gerufen zu werden, wieder nach unten entlassen.

Ich setzte mich dann doch mit in den Ergotherapieraum – das ist in diesem Fall eigentlich nichts weiter als ein Bastelzimmer voller Materialien und einem Therapeuten, der Ideen gibt. Ich schnappte mir nach einer Weile einen Kohlestift und ein Blatt, legte ein Foto von Bella vor mich hin und begann, sowas wie eine Kohle-Comic-Version von Bella zu zeichnen. Nach einer Weile entwickelte sich das eine oder andere persönlichere Gespräch, auch der Therapeut stieg ein. Die Diagnosefrage kam auf. Ich hab keine Diagnose. Naja, doch, ich hab irgendwas diagnoseartiges: Depressionen, emotional instabile Persönlichkeitsstörung, Borderline. „Emotional instabil ist wohl jeder Depressive“, sagte der Therapeut – und hat damit natürlich recht. Er gab mir den Tipp, nicht so viel auf Diagnosen zu geben. Gebe ich da viel drauf? Hm. Ich mag es, wenn „das Kind einen Namen“ hat. Aber viel wichtiger wäre es mir, Möglichkeiten zu finden, was anderes aus meinen Problemen zu machen. „NEEEEEIN, mach das bloß nicht!“ warfen zwei Mitpatientinnen direkt ein. Huch, wieso? Sie hatten ihre Urspungsprobleme durch andere Probleme ersetzt. So meinte ich das aber gar nicht – ich würde in der Tagesklinik gern lernen, was Gutes aus meinen blöden Gefühlen zu machen. So wie den Blog hier: Kreativ schreiben. Oder aber auch zeichnen. Irgendetwas – blöde Gefühle als Grundlage für etwas Gutes nutzen. Oder so.

Wenige Minuten später kam der Arzt dann endlich und bat mich zum Gespräch. Etwas detaillierter als im Vorgespräch und sehr ähnlich dem Fragebogen, den ich den Tag über ausgefüllt hatte, gingen wir noch einzelne Aspekte meines Lebens durch: Psychische Probleme von Verwandten, ansatzweise Gründe für meine Probleme und solche Dinge. Anschließend wurde ich noch körperlich untersucht: Meine Reflexe wurden getestet, ich sollte mit geschlossenen Augen meine Zeigefinger abwechselnd auf meine Nase legen, mein Herz und meine Lunge wurden abgehört. All dieser Standardkram.

Danach durfte ich gehen. Meine Mama und Bella holten mich ab. Während ich zum vereinbarten Treffpunkt ging, waren die beiden, die schon seit einer Stunde über das Gelände spazierten, irgendwo hinter mir – und als Bella meine Fährte aufnahm und ich näher als vorher zu sein schien, fing sie an zu bellen.

Das war also mein erster Tag in der Tagesklinik. Ich weiß noch nicht so recht, was ich davon halten soll. Wie ich so inmitten all der Verrückten saß, mich dazu gezählt, überlegte ich, ob ich das wirklich bin. Bin ich so krank, dass ich hier sitzen muss? Kann ich nicht einfach mein Krönchen richten und weitermachen? Meine Probleme runter schlucken? Es war schon unangenehm, all diese kurzen Seelenstriptease zu hören und zu sehen und mir selbst zu denken: Jap, jetzt bin ich ein Teil davon.