Nach einer kopfschmerzgeplagten Nacht kaum Luft bekommend wache ich auf. Meine Zähne schmerzen, meine Nasennebenhöhlen pochen, durch die Nase bekomme ich keine Luft, meine Stimme ist quasi nicht vorhanden. Ein Albtraum jagte den nächsten und offenbar habe ich mich über Nacht so verausgabt, dass mich eine Erkältung voll erwischt hat.

Na toll. Krank. Körperlich krank, weil die geistige Krankheit ja nicht genug zu sein scheint. Ich bleibe im Bett und stelle mir einen weiteren Wecker, damit ich nicht vergesse, meinen Hausarzt rechtzeitig anzurufen und damit ich in der Tagesklinik anrufen kann, um mich für’s Kranksein krank zu melden.

Die Krankenschwester geht ans Telefon. Ich krächze ihr entgegen, dass ich mich am Wochenende erkältet habe [„Hört man ja gaaar nicht!“, sagt sie im sarkastischen Tonfall] und erstmal meinen Hausarzt aufsuchen werde. Einen Termin beim Hausarzt bekomme ich für 12 Uhr.

Um viertel vor 12 verlasse ich die Wohnung. Bella habe ich mit einem Kong voller Erdnussbutter als Bestechung ins Platz gelegt – sie ist nicht begeistert, dass sie liegen bleiben muss, während ich den Hausflur betrete, aber sie bleibt liegen. Sie bellt nicht, als ich die Tür schließe. Unsere kurzen Trainingseinheiten für das entspannte Alleinsein, die wir seit letztem Freitag einige Male gemacht haben, scheinen schon etwas Wirkung zu zeigen.

Mein Hausarzt ist gewohnt freundlich, verschreibt mir ein Antibiotikum und ein Nasenspray, damit ich möglichst schnell wieder fit werde – und gibt mir eine Krankschreibung für die gesamte Woche mit.

Ich verlasse die Praxis und rufe wieder in der Tagesklinik an, um der Krankenschwester mitzuteilen, dass ich krank geschrieben wurde. „Bitte schicken Sie die Krankmeldung nicht an die Krankenkasse!“, sagt sie. Öhm. Also. Wenn ich das, was sie mir danach gesagt hat, richtig verstanden habe, muss ich aus der Tagesklinik entlassen werden, wenn ich wegen einer Erkältung von meinem Hausarzt krank geschrieben werde. Am Mittwoch sollte ich idealerweise, damit sie mich nicht entlassen müssen, zumindest zur Oberarztvisite erscheinen. Auweia. Ich kann es also nicht empfehlen, sich während des Aufenthalts in einer psychiatrischen Tagesklinik zu erkälten. Irgendwie ist das ganz schön kompliziert.

Erkältung hin oder her: Wenn man den ganzen Tag zuhause ist, hat man ganz schön viel Zeit zum Nachdenken. In den letzten Monaten war ich ja auch viel zuhause – quasi nur – aber habe ich währenddessen viel nachgedacht? Ich habe mir die Zeit vor allem mit dem Schauen von Serien vertrieben, während derer ich meistens meinen Kopf abgeschaltet habe. Heute habe ich ihn nicht so sehr abgeschaltet.

Eine Mitpatientin sprach mich am Freitag an. Sie fragte, ob ich „erst“ seit meinem Exfreund so depressiv sei. Vielleicht ist das in letzter Zeit so rüber gekommen, weil ich mich sehr auf das Thema fixiert habe. Vielleicht ist das auch hier, im Blog, so rüber gekommen, als sei er „mein einziges Problem“. Ich habe mir kürzlich schlichtweg vorgenommen, in der Tagesklinik und damit auch hier auf dem Blog vor allem das zu bearbeiten, was aktueller ist als der Rest – und das ist halt leider einfach er. Selbstverständlich ist auch diese Beziehung [morgen auf den Tag genau] 3 Jahre her und auch in den drei Jahren sind so einige Dinge passiert, die nicht schön waren. Beispielsweise hatte ich eine Phase in meinem damaligen Job, in der ich quasi im Akkord Zeugnisse geschrieben habe, bestimmt hunderte, wenn ich alle zusammen zählen würde, und kaum je ein „Danke“ hörte, sondern immer nur mehr und mehr Zeitdruck, immer wieder die Frage, ob dieses oder jenes Zeugnis schon fertig war. Ich war auch mal unglücklich verliebt. Ich hatte Prüfungsstress. Ich bin mehrfach umgezogen. In den Jahren vor meinem Exfreund, also vor dem sehr, sehr fiesen Kerl, hatte ich z. B. einen Freund, der mich mehrfach betrogen hat. Mehrfach? Ach, eigentlich hat er mich nur belogen und betrogen und mittlerweile weiß ich gar nicht mehr, ob er mich jemals wirklich geliebt hat. In der Schule wurde ich gemobbt. Und wie! Pah. Im Sport immer als letzte ins Team gewählt. Abwertendes schnauben, wenn ich über den Schulhof lief. „Schlampen wie dich wollen wir hier nicht!“ – nur weil ich eine Kette mit einem Playboy-Häschen dran trug. Ich habe mehrfach meine beste Freundin „verloren“ – nein, nicht wie einen Gegenstand. Die Freundschaft lief mal gut, mal schlecht, mal absolut mies, der Kontakt brach ab, wurde wieder aufgenommen – bis sich unsere Wege im letzten Jahr endgültig trennten. Oooh, und ich hatte Angst vor Klausuren, vor allem vor Matheklausuren. Ich hatte regelrechte Panik vor Zahlen [und bin so froh, dass Germanistik mit Mathe überhaupt gar nichts zu tun hat!]. Mein Herz wurde öfter gebrochen als ich denken kann. Und Menschen sind gestorben, liebe Menschen. Uroma, Opa, Oma, Großcousine, der Bruder und der Vater [mein Wunsch-Opa] meines Patenonkels, Cousin. Das war mir alles zu viel. Hunde sind zu allem Überfluss auch noch gestorben – Boris und Jimmy, beide eigentlich noch viel zu jung. Und mein Kaninchen. Und die Wellensittiche. Ich war auch mal sowas wie gläubig, wurde katholisch getauft, ging zur Kommunion, war sogar mal Messdiener – und bin dann immer mehr vom Glauben abgekommen bis ich so mit 12 überhaupt nicht mehr an einen Gott glaubte. Vielleicht war das auch schwerer für mich als ich dachte. Für Kinder ist ein Glaube ja vielleicht ein bisschen wichtiger als für Erwachsene. Ich wurde schon in der Grundschule gemobbt, weil ich nicht die Markenklamotten trug, die gerade angesagt waren.

Ja… Also: Nein, ich bin nicht erst „seit kurzem“ depressiv. Es gibt bei mir, denke ich, nicht „den einen“ Auslöser, auch wenn es momentan vielleicht so rüber kommt, als sei mein Ex und das, was er mir angetan hat, der Auslöser schlechthin – aber das bzw. er ist eigentlich nur die Spitze eines Eisbergs, der schon sehr, sehr viele Jahre existiert. Die Konzentration auf jüngere Ereignisse halte ich im Rahmen des Aufenthalts in der Tagesklinik für ganz gut – indem ich das, was mich derzeit am schwersten belastet, zu verarbeiten bzw. bearbeiten versuche, bereite ich mich darauf vor, stabil genug für eine tiefer gehende Therapie zu werden.

P. S.: Das Bild von Bella ist gestern bei einem Spaziergang in der Grube 7 entstanden – und obwohl ich nicht mit ihr im Matschwasser war, habe ich nun die Erkältung! Frechheit.