Mein Aufenthalt in der Tagesklinik ist im Endspurt und nährt sich mit großen, sehr, sehr großen Schritten dem Ende. Weil die vergangenen Wochen sehr anstrengend waren, fällt es mir seit ein paar Tagen immer schwerer, aus dem Bett zu kommen und ich freue mich schon sehr darauf, dass ich am Wochenende endlich mal wieder ausschlafen kann.

Wie immer verschlafe ich. Ich habe verworren von der Klinik und der Therapie geträumt, irgendwie mischte mein Exfreund sich auch noch in den Traum und schon war die anstrengende Nacht wieder perfekt. Doch trotzdem geht es mir ganz gut. Zumindest besser als sonst. All die lieben Worte von gestern, all das Lob und die positiven Rückmeldungen während der Abschlussbilanz, hallen noch nach.

Christian und Bella arbeiten heute im Homeoffice, sodass wir uns um kurz nach sieben voneinander verabschieden. Während der Fahrt in die Klinik höre ich Musik, schaue aus dem Fenster der Bahn. Ich sehe eine Person, die mit ihren beiden Hunden auf einem Feld spazieren geht und muss grinsen, denn einer der beiden macht ungefähr genau so viel Quatsch wie Bella – hüpft und wedelt und rennt und spielt, ganz für sich alleine, und bringt mich zum Grinsen.

Die erste Tat des Tages ist der Gang auf die Waage – grmpf! – und die zweite Tat das Messen des Blutdrucks und des Pulses. Ich schnappe mir sämtliche neue Mitpatienten, die ich finden kann, und zeige ihnen sowohl die Waage und das Blutdruckmessgerät als auch die Liste, in die sie ihre Werte eintragen müssen. Beim Frühstück unterhalte ich mich mit den Mitpatienten, die mit mir am Tisch sitzen, unter anderem darüber, dass ich morgen entlassen werde. Sie fragen mich, ob mir die Klinik etwas gebracht hat und ich erzähle ein wenig über meine Erfahrungen hier und dass ich, obwohl einige Therapieeinheiten ausgefallen sind, sehr viel gelernt habe und mitnehmen werde.

Gegen halb zehn beginnt unsere Gesprächsgruppe mit dem Stationsarzt. Er fragt und nach einem Thema und wir sprechen eines an, dass uns wirklich alle betrifft: Beziehungen. Wir sprechen über die verschiedensten Aspekte von Beziehungen, entdecken Gemeinsamkeiten in Dingen, die wir erlebt haben, und reden quasi pausenlos miteinander.

Um 11 Uhr soll unsere Musiktherapie beginnen – und gleichzeitig soll ich, so wurde es mir gestern mitgeteilt, einen Psychotherapeuten anrufen, der junge Psychotherapeuten ausbildet und mir einen der besagten jungen Therapeuten zwecks ambulanter Versorgung meiner „Problemzonen“ vermitteln kann. Ich rufe ihn um kurz vor 11 an und wir beide fallen ein wenig aus den Wolken – es gab ein Missverständnis und eigentlich wollte er, dass ich bei ihm vorbei komme. Ich mache mich sofort auf den Weg, obwohl ich gerne zur Musiktherapie gegangen wäre. Nach einigen Minuten komme ich in seinem Büro an, das in einer der Stationen liegt. Vor mir steht ein älterer Herr, der ganz offensichtlich weiß, wovon er spricht. Er gibt mir einen kurzen Einblick in seine Arbeit, in die Arbeit mit Psychotherapeuten in Ausbildung, er gibt mir einen Überblick über die Behandlungsmöglichkeiten und die Verlaufsformen von Traumata. Er stellt mir einige Fragen, um herauszufinden, woran er bei mir ist – unter anderem, ob ich Flashbacks habe, ob ich Albträume habe, ob ich bestimmte Orte meide. 3 von 4 Kriterien einer Posttraumatischen Belastungsstörung würde ich erfüllen, sagt er mir, ohne mir eine Diagnose vor den Kopf knallen zu wollen. Wenn ich möchte, kann ich mich darüber mal näher informieren, sagt er. Er weist mich außerdem darauf hin, dass die Arbeit mit einem Psychotherapeuten in Ausbildung auch meinerseits gewisse Dinge voraussetzt – dass ich regelmäßig zu den Terminen erscheinen muss, da davon eine Ausbildung abhängt, und dass ich mit Sicherheit einige Fragebögen werde ausfüllen müssen. Ich bin bereit dazu. Er gibt mir die Telefonnummer sowie die E-Mail-Adresse einer Psychotherapeutin in Ausbildung, die er mir als sympathisch und fürsorglich beschreibt. Ich bedanke mich und verabschiede mich von ihm.

Möglichst schnell mache ich mich auf den Weg zurück zu dem Gebäude, in dem die Musiktherapie statt findet, obwohl selbige schon vorbei ist. Ich möchte mich unbedingt noch bei der Therapeutin bedanken und mich von ihr verabschieden, immerhin habe ich durch die Musiktherapie die Möglichkeit gehabt, mich mit einem Schlagzeug zu konfrontieren und einfach mal drauf zu hauen. Zum Glück ist sie noch da und ich habe die Möglichkeit zur Verabschiedung.

Nach dem Mittagessen gehe ich mit meinen Mitpatienten zu meiner letzten Tanztherapie. Ich darf, da ich das letzte Mal dort bin, einen Wunsch äußern, was ich gerne machen würde, und bitte darum, dass wir etwas gemeinsam machen. Wir stellen uns im Kreis auf und wiederholen eine Übung, die wir vor einer Weile schon einmal gemacht haben: Zur Musik macht einer eine Bewegung, die ihm gut tut, vor und die anderen machen diese Bewegung nach. Reihum darf jeder eine Bewegung vormachen. Anschließend geht es darum, sich um seine eigenen Fähigkeiten – die Fähigkeiten der Vergangenheit und die Fähigkeiten der Gegenwart bzw. der Zukunft – ,die einem geholfen haben bzw. die man sich für sich selbst wünscht, Gedanken zu machen. Hierfür sollen wir uns zwei Gegenstände aussuchen, diese in einem gewissen Abstand zueinander im Raum verteilen und zwischen den beiden Gegenständen [sie symbolisieren Gegenwart/Zukunft und Vergangenheit] hin und her gehen. Ich mache mir einige Gedanken dazu, dass ich – schon immer – vieles reflektiert habe und dies auch beibehalten möchte, allerdings möchte ich gleichzeitig stabiler, weniger formbar werden. Auch von der Tanztherapeutin verabschiede ich mich im Anschluss an die Therapiestunde unter vier Augen.

Ziemlich aufgewühlt verlasse ich das Gelände des Klinikums. Nachdem diese Woche das Thema „Blog“ aufgekommen ist, wurde mir mehrfach nahe gelegt, über meinen eigenen Schutz nachzudenken, über meine Verletzbarkeit, meine Angreifbarkeit. Ich verstehe, dass hinter diesen Fragen und Bitten Fürsorge und gut gemeinte Ratschläge stecken, doch trotzdem nehmen sie mich mit. Ich hätte mir gewünscht, dass mich mal jemand fragt, ob mir das Schreiben gut tut. Ob es mir hilft. Ob es meine Herzensangelegenheit ist – denn das ist es und das tut es. Mein Blog bedeutet mir wahnsinnig viel und außerdem wünsche ich mir so sehr, dass „unsichtbare Krankheiten“ langsam aber sicher sichtbarer werden. Und ich möchte ein Teil dieses Prozesses sein, weil ich lang genug alleine war mit meinem Kranksein.