„Gesunde Menschen haben ja keine Ahnung!“

Wie oft habe ich es in letzter Zeit gehört oder gelesen: Psychisch kranke Menschen, die sagen oder schreiben, dass es niemanden der Gesunden interessiert, wie es ihnen geht, weil „von denen“ niemand verstehen könnte, wie es ihnen geht. Dass sie niemanden zum Reden haben, weil kein gesunder Mensch ihnen zuhören will. Dass gesunde Menschen überhaupt alle keine Ahnung hätten, dass sie nicht nachempfinden, nicht zuhören, nicht mitfühlen, sich nicht kümmern könnten. Und wie oft habe ich mich in den letzten Jahren selbst bei einem dieser Gedankengänge ertappt oder den recht ähnlichen Gedankengang „Ich kann das niemandem erzählen, weil ich andere damit zu sehr belasten würde“ gehabt? Verdammte unzählige Male!

Ich meine, ja: Es ist schwierig, sich in einen anderen Menschen hinein zu versetzen, gerade wenn er an einer Krankheit leidet, die ich aktuell weder habe noch jemals gehabt habe. Aber wenn sich jemand ein Bein bricht (was mir noch nie passiert ist), wenn jemand Migräne hat (die ich nicht habe), wenn jemand eine dem Krebs geschuldeten Chemotherapie durchlaufen muss (was ich ebenfalls nicht erlebt habe), dann kann ich als Nicht-Betroffene doch trotzdem Empathie zeigen, demjenigen zur Seite stehen, ich kann da sein – obwohl ich im Prinzip wirklich keine Ahnung habe.

Warum also stellen wir als psychisch Kranke – und ich schließe mich hier bewusst ein, nicht aus! – uns also mit grimmig-empörtem Gesicht vor die psychisch Gesunden hin und werfen ihnen an den Kopf, dass sie keine Ahnung haben und sich eh nicht für uns interessieren? Ja, wieso fordern wir, dass unsere Krankheiten genauso anerkannt werden wie physische Krankheiten, wenn wir den psychisch Gesunden fast im gleichen Atemzug nicht zugestehen, dass sie genügend Empathie aufzubringen imstande sind, um uns angesichts unserer Krankheiten zu unterstützen? Und wie soll das mit dem umfassenden Verständnis für psychische Krankheiten seitens der psychisch Gesunden überhaupt funktionieren, wenn wir ihnen nicht mal die Chance dazu geben, sich einen Eindruck zu machen? 

Das ist nicht nur beleidigend denjenigen psychisch Gesunden gegenüber, die ein wirkliches Interesse an den ihnen nahestehenden psychisch Kranken haben, nein – es ist simpel und einfach falsch. Es ist nicht wahr und gehört für mich daher in die nie wieder zu öffnende Kiste der sogenannten „negativen Grundüberzeugungen“, von denen sicherlich jeder, der in psychotherapeutischer Behandlung ist, schon mal gehört hat.

Ich weiß selbst ganz genau wie schwer es ist, sich nahestehenden Personen, der Familie, den Bekannten oder gar dem Arbeitgeber zu öffnen. Da ich all das aber in den letzten Jahren hinter mich gebracht habe, kann ich euch aus eigener Erfahrung und vollkommener Überzeugung sagen: Es hilft!

Ein paar meiner eigenen positiven Erfahrungen.

Nach 6 oder 7 Jahren des Versteckspiels teilte ich meinen Eltern 2010 mit, dass ich mich selbst verletzte. Eine verdammt lange Zeit, nicht wahr? Ebenso lange, wie ich meine Krankheit vor meinen Eltern versteckt hielt, ist es nun her, dass ich mich ihnen geöffnet habe. Was sich seitdem geändert hat? Verflucht viel! Ärmellose Tops im Sommer tragen zu können ist nur ein winziger Teil davon.

Einem meiner Auftraggeber teilte mit, dass ich nicht mehr konnte. Ich konnte die Stundenzahl nicht mehr halten, die ich bei ihm absolvierte, und sprach ganz offen aus, dass ich unter psychischen Problemen leide und nicht belastbar genug bin. Was sich seitdem geändert hat? Ich arbeite weniger Stunden, aber noch immer für diesen Auftraggeber.

In der Uni schob ich eine Hausarbeit immer und immer wieder auf. Dann ging ich zu der Dozentin und erzählte ihr grob von meinen psychischen Problemen, dass ich es nicht schaffen würde, eine Hausarbeit in der gegebenen Frist zu schreiben, da ich mich nicht zuverlässig über einen längeren Zeitraum hinweg konzentrieren konnte. Was sie dazu gesagt hat? „Kein Problem, nehmen Sie sich die Zeit, die Sie brauchen, ich laufe Ihnen ja nicht weg!“

Worauf ich hinaus will…

Damit will ich nicht sagen, dass jeder psychisch Kranke mit seinen psychischen Krankheiten (ob nun Singular oder Plural) hausieren gehen soll. Ebenfalls will ich nicht sagen, dass jeder Freund, jede Großmutter oder jede Chefin verständnisvoll und aufbauend reagiert – nein, nicht jeder Mensch ist empathisch. Aber ich will damit sagen, dass ihr nicht wissen könnt, wie ein anderer Mensch reagiert, bevor ihr es ausprobiert habt.

Empathie ist keine Fähigkeit, die direkt an psychische Krankheiten gekoppelt ist. Viele psychisch gesunde und psychisch kranke Menschen sind empathisch – aber (leider) nicht alle. Letztere kann man (in meinen Augen zumindest) jedoch getrost aus seinem eigenen Leben streichen, doch pauschal über alle psychisch gesunden Menschen zu sagen, dass sie weder ein Interesse noch ein Gefühl für psychisch Kranke haben, ist nicht richtig. Es ist weder für besagte Gesunde, noch für uns Kranke richtig, da zwischenmenschliche Beziehungen über Krankheiten hinaus bestehen und über Krankheiten hinaus eine Bedeutung haben.

Und außerdem ist Empathie keine Einbahnstraße: Auch wenn wir psychisch krank sind, so sind wir doch zumeist empathisch und sollten uns bewusst sein oder es uns bewusst machen können, dass unsere Krankheit auch für die, die wir lieben, eine dramatische und durchaus traurige Sache ist – auch wenn sie dadurch nicht zwangsweise selbst psychisch krank werden.

Also: Gebt euch einen Ruck und ihnen eine Chance.