Begegnet man einem depressiven Menschen, der offen sagt, dass es ihm nicht gut geht, dass er tieftraurig ist oder der gar anspricht, unter Depressionen zu leiden, fühlt man sich dazu gezwungen, seine Gefühlsregungen zu kommentieren bzw. auf diesen Menschen einzugehen. Viele Menschen denken, dass es genau das Richtige wäre, einem Depressiven zu sagen „Ich kenn das, ich hab auch mal schlechte Tage“, „Depressionen gehen vorbei“ oder – mein persönlicher Anti-Favorit – „Jeder ist mal depressiv“. Oftmals sind diese Worte wirklich nett gemeint und sollen nichts weiter bezwecken als dem depressiven Menschen das Gefühl zu geben, dass seine Situation keinesfalls so ausweglos ist, wie sie sich für ihn in diesem Moment anfühlt. In anderen Fällen jedoch sind diese Worte halbwegs bewusst so gewählt, dass sie der depressiven Person sagen: Dein Leben ist nicht so schlimm. Du hast keinen Grund, Depressionen zu haben. Ich nehme deine Krankheit nicht ernst. So oder so – das sind leider nicht die richtigen Worte, um einem Depressiven weiterzuhelfen.

Denn genau so ist es doch oft: Die Krankheit Depression wird nicht ernst genommen. Essstörungen werden lediglich als Übertreibung eines Schönheitsideals betrachtet. Ein Mensch, der sich selbst verletzt, will nur die Aufmerksamkeit anderer.

Psychische Krankheiten funktionieren so aber nicht. Sie sind echt. Sie sind ernst zu nehmen. Und nicht jeder ist krank.

Dennoch ist es so: Es geht wirklich jedem Menschen mal schlecht. Niemand hat ein Leben, das ganz ohne Probleme verläuft, manche Tage, Wochen oder Monate sind wirklich zum Haare raufen grauenvoll und man heult und heult und heult – ganz unabhängig davon, ob man die Diagnose „Depressionen“ erhalten hat oder nicht. Aber diese verheulten Phasen eines jeden Menschen als Grund zur Verharmlosung für die psychische KRANKHEIT Depression zu nehmen, funktioniert nicht.

 

Wann spricht man von Depressionen? 

Wenn die Kernsymptome schlechte Stimmung, Interessenlosigkeit, Antriebslosigkeit und Freudlosigkeit mindestens 2 Wochen bestehen, spricht man von Depressionen.

 

Okay, das wäre also Schritt 1 zur Erkennung von Depressionen: Die Dauer der Symptome. Das ist aber noch nicht alles. Es gibt gefühlt 100 unterschiedliche Krankheitsbilder, die einer Depression zwar irgendwie ähneln, bei denen es sich aber nicht um eine „stinknormale“ Depression handelt. Es gibt Menschen, die mit mehr als einer Diagnose leben müssen, da viele psychische Krankheiten nebeneinander existieren können. Das ist wie mit allen anderen Krankheiten: Wer eine Magendarmgrippe hat, kann gleichzeitig auch Fußpilz und einen gebrochenen Daumen haben. Ist zwar scheiße, passiert aber.

 

Depressionen und ICD-Codes.

Wie für eigentlich alles gibt es selbstverständlich auch für psychische Krankheiten eine wunderhübsche, Bürokratie mit Medizin vermischende Liste, die die einzelnen Krankheiten beschreibt und ihnen eine Nummer verpasst: Die Liste der ICD-Codes. ICD steht für International Classification of Diseases (Internationale Klassifikation der Krankheiten). Die WHO (World Health Orgaisation; Weltgesundsheitsorganisation) ist verantwortlich für die Herausgabe der Codes. Die ICD-Codes beschreiben alle erdenklichen Krankheiten, also nicht nur die psychischen. Die Codes stellen eine Art Verschlüsselung der Diagnose dar. Ihr habt euch schon mal über die Kombinationen aus Buchstaben und Zahlen auf euren Krankmeldungen gewundert? Dabei handelt es sich um die Diagnose und ihre ICD-Verschlüsselung.

Psychische Krankheiten werden mit den Codes F00 bis F99 verschlüsselt. Ihr ahnt, wohin das führt? Richtig, es gibt weit mehr als 100 verschiedene Kennzahlen für psychische Krankheiten. Affektive Störungen, also Störungen, die die Stimmung beeinflussen, tragen die Nummern F30 bis F39.

Depressive Episoden (F32) unterteilt man (grob gesagt; es gibt noch mehr Unterteilungen laut ICD, aber das führt jetzt zu weit) in leichte, mittelgradige und schwere depressive Episoden, letztere mit oder ohne psychotische Symptome. Was eine Psychose ist? Eine Psychose ist, kurz gesagt, der Verlust des Realitätsbezugs.

Rezidivierende depressive Störungen (F33) werden quasi genau so wie depressive Episoden anhand ihrer Schwere klassifiziert. „Rezidivierend“ heißt übrigens, dass die depressiven Episoden wiederholt auftreten. „Rezidivierende depressive Störung mit derzeit schwerer depressiver Episode ohne psychotische Symptome“ (F33.2) ist übrigens meine derzeitige Diagnose.

Das ist natürlich noch lange nicht alles – aber ein kurzer Ausflug in die Wirrungen der Klassifizierung dessen, was landläufig als Depressionen bezeichnet wird.

 

Glücklicherweise sind also nicht alle Menschen depressiv, doch jeder, der längere Zeit niedergeschlagen, antriebslos, freudlos und interessenlos ist, sollte mit einem Arzt darüber sprechen – aus kurzen, leichten depressiven Episoden kann mehr werden, wenn man sich nicht darum kümmert.

 

Wie kann man nun also einen depressiven Menschen unterstützen, ohne auf die üblichen Floskeln zurück zu greifen?

Als Partner, Freund, Familienmitglied oder in einer anderen Weise an einem depressiven Menschen Interessierter kann man demjenigen nur zuhören, ihn aber nicht heilen. Man ist nicht objektiv genug, um die Probleme behandeln oder lösen zu können – zuhören ist aber immer gut und wichtig.

Wenn jemand sich selbst in Frage stellt, sagt, dass er dumm oder nutzlos ist, hilft Kritik nicht wirklich – so etwas wie „Wie kannst du sowas Dummes sagen?!“ hilft leider nicht.  „Ich weiß, dass du dich so fühlst, aber ich sehe das anders“ ist da schon die für den Depressiven bessere Reaktion.

„Jeder ist mal depressiv“ sollte man hingegen streichen: Zum einen, weil es einfach nicht so ist, und zum anderen, weil es die Krankheit bagatellisiert.

Und manchmal, da sollte man besser gar nichts sagen, sondern denjenigen einfach nur in den Arm nehmen.