Für jemanden, der unter Depressionen leidet, ist das Leben nicht einfach: Statt blau ist der Himmel plötzlich grau, die Sonne fühlt sich nicht mehr an wie ein freundliches „Hallo“, sondern wie ein grausam brennender Hohn und man selbst ist nur noch ein Schatten desjenigen, der man mal war. Depressiv zu sein ist scheiße. Es ist ermüdend.

Viele Menschen, die unter Depressionen leiden, fühlen sich zudem dauerhaft missverstanden. Das ist kein Wunder, bedenkt man, dass Depressionen als Krankheit oft nicht ernst genommen werden. Viel eher gilt es als Charakterschwäche, depressiv zu sein. Als etwas, für das man sich schämen, wegen dem man sich einfach mal zusammen reißen müsste. Doch „einfach“ ist mit Depressionen eigentlich nichts mehr.

Es ist besonders schwierig, richtig mit einem depressiven Menschen umzugehen, da Depressionen sehr vielschichtig sind. Der Einfachheit halber sagen manche Menschen, die eher unter Panikattacken als Depressionen leiden, oder die, die eher traumatisiert als depressiv sind, häufig bloß, dass sie „Depressionen haben“ – wenn sie es denn überhaupt aussprechen. Das „Über einen Kamm Scheren“ macht den Umgang mit depressiven Menschen nicht einfacher. Jede Gefühlsregung braucht eine andere Erwiderung. Jeder Mensch braucht etwas anderes. Wirklich jeder – ob psychisch krank oder nicht.

Der Einfachheit halber schere ich psychische Krankheiten jetzt aber nun auch über den Depressions-Kamm – so erreiche ich wahrscheinlich einfach mehr Leute.

Die Krankheit verstehen.

Wenn der Partner, ein Freund oder ein Familienangehöriger an Depressionen oder sonstigen psychischen Erkrankungen leidet (und offen damit umgeht), ist es wohl das einfachste, „Butter bei die Fische“ zu packen: Sich informieren, was diese Diagnose im Allgemeinen bedeutet und herausfinden, was sie für den Betroffenen im Speziellen heißt.

Spricht jemand nicht darüber, was ihn bedrückt, doch man sieht ihm an, dass es ihm nicht gut geht, hilft oftmals nur das Nachfragen. „Ich seh‘ doch, dass du leidest. Was bedrückt dich?“ ist an dieser Stelle wahrscheinlich besser gewählt als ein vages „Wie geht’s dir?“, das sowieso häufiger positiv als ehrlich beantwortet wird.

Es gibt allerdings auch psychische Erkrankungen, die man nicht erkennt; Menschen, denen man nicht ansieht, dass es ihnen nicht gut geht und die auch nie ein Wort darüber verlieren würden. Erfährt man dann – nach Monaten oder Jahren stiller Krankheit – als Angehöriger davon, sollte man sich keine Vorwürfe machen, nichts bemerkt zu haben: Das Verstecken der Krankheit gehört bei einigen zum Krankheitsbild dazu.

Die richtigen Worte finden.

„Iss doch mal was“, „Lach doch mal“, „Ich bin auch manchmal depressiv“ – das sind alles positive Sätze, nicht wahr? Ja, das sind sie. Und sie sind (in den allermeisten Fällen) auch wirklich positiv, nett und fürsorglich gemeint. Doch im Falle psychischer Erkrankungen funktionieren sie oft nicht.

Eine essgestörte Person zum Essen aufzufordern setzt sie unter Druck. Ein depressiver Mensch kann nicht einfach so lachen – das zu verlangen erhöht den Druck. Und Druck ist etwas, was man angesichts psychischer Erkrankungen in den seltensten Fällen gebrauchen oder überhaupt ertragen kann. Doch auch hier gilt: Jeder Mensch ist anders, jede Diagnose ist anders, jede Krankheit ist anders! Es gibt auch Menschen, die einen Arschtritt gut vertragen können, selbst (oder gerade dann) wenn sie psychisch krank sind.

Wenn man mit einem psychisch kranken Menschen kommunizieren möchte, bewegt man sich auf einem verflucht schmalen Grat zwischen Samthandschuhen und Arschtritt. Um sein Gegenüber nicht von einem Abgrund in den nächsten zu stoßen, muss man teilweise (je nach Erkrankung, Vorgeschichte, Verlauf…) einen regelrechten Seiltanz aufführen – auf einem 2 Zentimeter dünnen Stahlseil, 100 Meter oberhalb eines reißenden Flusses voller spitzer Felsen. Die perfekte Kommunikation gibt es hierbei nicht. Es gibt nicht den einen Satz oder die eine Frage, der oder die in diesem oder jenem Moment immer perfekt ist. Man muss damit rechnen, einen heulenden oder wütenden Menschen vor sich sitzen zu haben, nachdem man etwas gesagt hat, was man vielleicht ganz anders meinte. Als würde man mit einer Wunderkerze vor einem Pulverfass sitzen. Doch man darf sich als Angehöriger hierfür nicht die Schuld geben.

Generell sind „Ich“-Sätze aber besser als „Du“-Sätze. „Du“-Sätze können schneller als Kritik aufgefasst werden und so dazu führen, dass man genau das Gegenteil von dem erreicht, was man erreichen wollte.

Ich kann hier allerdings nur von mir sprechen, von den Worten, die mir helfen bzw. geholfen haben. Also…:

Eine kurze Sammlung nützlicher Sätze.

Kann hilfreich sein, wenn jemand sich selbst als dumm, hässlich, fett, wertlos etc. bezeichnet hat:

Ich weiß, dass du das momentan so siehst, aber ich sehe das anders. Ich finde, dass (…) 

Ich finde aber, dass du [hier Ereignis einfügen] gut gemacht hast. 

Kann helfen, jemanden besser zu verstehen:

Ich sehe, dass du leidest. Wenn du willst, erzähl es mir. 

Kann glücklich machen und Geborgenheit geben [Vorsicht, kann je nach Vorgeschichte problematisch sein]:

Ich nehm‘ dich jetzt in den Arm. 

Kann Hilfe suchen helfen [Vorsicht, kann unter Umständen Druck erzeugen oder bemutternd wirken]:

Wenn du willst, helfe ich dir, einen Therapieplatz zu finden. Sag mir nur, wie viel Unterstützung du brauchst, und ich bin da. 

Wenn du nicht mit mir reden willst, könntest du ja auch mal mit deinem Hausarzt reden. 

Die Selbstmord-Drohung.

Droht jemand damit, sich umzubringen, wird es für Angehörige besonders schwierig. Sie wollen ihn aufhalten, sie wollen ihn retten, sie geben sich die Schuld, dass der psychisch Kranke, dem sie doch alle Liebe, die sie aufbringen konnten, entgegen zu bringen versucht haben, sich nun das Leben nehmen möchte. Diese Schuld sollte niemand auf sich nehmen [müssen].

Wenn jemand damit droht, sich das Leben zu nehmen, sollte man als Angehöriger, Freund oder Partner die Verantwortung abgeben. Eine Selbstmorddrohung geht weit über das hinaus, was man als Angehöriger zu leisten imstande ist. Hier hilft nur noch eines: Professionelle Hilfe. Im Falle einer Selbstmorddrohung ruft man am besten die Polizei oder – wenn man die Verantwortung nicht bereits zuhause abgeben möchte – fährt den Betroffenen zur nächsten psychiatrischen Klinik.

Es gibt dabei aber zwei Möglichkeiten, die man bedenken muss: Die erste Möglichkeit – und damit die schönere Variante – ist, dass der Betroffene dankbar für die Lebensrettung ist. Die zweite Möglichkeit – hier wird es unschön – ist, dass der Betroffene sich verraten fühlt und wütend auf seinen Lebensretter ist.

Und so kommen wir zum wichtigsten Teil im Umgang mit psychisch Kranken…

Verantwortung abgeben und auf sich selbst achten.

Psychische Krankheiten sind eben genau das: Krankheiten. Sofern man selbst kein Arzt ist, erwartet man auch nicht von sich selbst, dass man einen Angehörigen, der unter einer Bronchitis leidet, heilen kann. Genau so ist es mit psychischen Krankheiten.

Im Umgang mit einem psychisch kranken Angehörigen muss man als gesunder Angehöriger lernen, Verantwortung abzugeben, um nicht selbst krank zu werden – denn wenn man sich immer nur um einen Kranken kümmert und damit einen Kampf gegen Windmühlen führt, wird man selbst irgendwann wahnsinnig müde. Müde und traurig.

Die Heilung eines psychisch kranken Menschen kann nur mithilfe eines (oder mehrerer) Ärzte erfolgen. Und vor allem aus dem eigenen Antrieb des Kranken heraus, denn er muss dafür verdammt hart arbeiten.

Als gesunder Angehöriger kann man selbstverständlich mit dem Betroffenen reden und ihm vor allem zuhören – Zuhören ist wichtiger als Reden, jedenfalls geht es mir so – aber man darf auch „Stopp“ sagen. Gerade bei traumatisierten Betroffenen ist es jedoch oft schwer, sich ihren ganzen Leidensweg anzuhören. Selbst Psychologen haben an der einen oder anderen Geschichte zu knabbern, obwohl sie nicht so emotional mit dem Betroffenen verbunden sind wie seine Angehörigen und Freunde. Angehörige und Freunde sollten also darauf achten, sich selbst nicht mit dem Leiden des anderen zu überfordern.

Worte sind manchmal auch gar nicht so wichtig wie Taten: Eine Umarmung (sofern Körperkontakt nicht eines der Dinge ist, die dem Betroffenen unangenehm sind), ein gemeinsamer Spaziergang oder einfach irgendwo sitzen und in die Sterne schauen bedeutet manchmal schon „für jemanden da sein“ und ihm Geborgenheit schenken.

Für Angehörige ist es manchmal gut, sich ebenfalls psychologisch oder sozialdienstlich betreuen zu lassen. Hilfe für Helfende – das ist vollkommen legitim und in einigen Fällen wirklich wichtig.

Das Wichtigste ist jedoch: Nicht perfekt sein wollen. Es gibt nicht diesen einen perfekten Weg zur Heilung eines geliebten Menschen. Als Angehöriger macht man meistens Fehler, die man nicht vermeiden kann – einfach deshalb, weil es aufgrund des Krankheitsverlaufs nicht machbar ist.