Heute Vormittag um 10:30 Uhr war es endlich so weit: Ich hatte den Termin für mein Vorgespräch in der Tagesklinik.

Lange habe ich überlegt, ob ich überhaupt eine Therapie machen will. Therapieverweigerer habe ich mich selbst genannt. Aber warum? Simpel und einfach, weil ich Angst habe. Ich habe Angst davor, eine Therapie zu machen – anzufangen und zu scheitern. Aber dennoch habe ich eingesehen, dass ich eine Therapie brauche. Ich habe eingesehen, dass ich ohne Therapie nicht weiter als bis zu diesem Punkt komme, an dem ich jetzt bin: Antriebslos und in vielerlei Hinsicht verzweifelt, ohne zu wissen, wie ich mich selbst hier wieder raus holen soll.

Meine Mutter ist also gemeinsam mit Bella und mir heute Morgen nach Düsseldorf in die Klinik gefahren. Dort gibt es neben einer Tagesklinik auch die Möglichkeit, ambulante oder stationäre Behandlungen in Anspruch zu nehmen, es gibt psychiatrische und neurologische Einrichtungen und und und. Ein Aufenthalt in einer Tagesklinik ist sozusagen eine Kombination aus stationärer und ambulanter Therapie. Die gesamte Klinik existiert schon ziemlich lange – dementsprechend alt und wunderschön sind die Häuser, die dort stehen.

Schwierigkeit Nummer eins war, das Gebäude zu finden, in dem ich mich anmelden sollte. Als wir endlich das Haus mit der richtigen Nummer erreicht hatten und ich mich angemeldet hatte, war es schon fast halb elf. In einem gegenüber liegenden Haus befindet sich die Tagesklinik – dort sollten wir klingeln, dann würden wir eingelassen.

Um fünf vor halb elf klingelte ich also todesmutig bei der Tagesklinik, die Tür ging auf und unter Begleitung meiner Mutter ging ist etwas wackelig auf den Beinen durch die Tür. Wir waren jedoch nicht die Einzigen: Kurz hinter uns trotteten zwei Männer durch den Eingang der Tagesklinik. Wir wurden von einer Dame begrüßt, die uns in den „Therapieraum 1“ führte, wo wir Fragebögen ausfüllen und darauf warten sollten, dass unser jeweiliges Vorgespräch anfangen würde. Das beruhigte mich ein wenig – ich hatte schon gedacht, bereits das Vorgespräch soll in größerer Runde stattfinden.

Der Fragebogen fragte nach Dingen wie eingenommenen Medikamenten, psychologischer und psychiatrischer Behandlung, dem Hausarzt, den aktuellen Beschwerden, körperlichen Erkrankungen etc. Bis zu einem dicken, schwarzen Strich sollten wir [potentiellen] Patienten den Bogen ausfüllen, danach sei das Team der Tagesklinik dran. Neugierig wie ich bin, las ich mir durch, zu welchen Stichpunkten sich das Team der Klinik Notizen machen wollen würden: Angefangen bei der Anamnese, über Drogen, Alkohol, Sucht, Selbstverletzung, Suizidgedanken und Schlafstörungen bis hin zu einem abschließenden Feld – Aufnahme ja oder nein, wenn ja, welche Gruppe, und „Hat sich der Patient von alleine gemeldet?“. Nanu. Ist das ein Vorgespräch oder ein Bewerbungsgespräch?

Gut eine halbe Stunde saßen wir in Therapieraum 1, um unsere Bögen auszufüllen und dem Flattern des Vorhangs zu lauschen. Ich knetete abwechselnd auf einer Häkelmaus, die meine Mutter dabei hatte, und auf ihren Händen rum, während ich Hustenanfälle, die ich meiner aktuellen Erkältung zu verdanken hatte, und meine laufende Nase zu bekämpfen versuchte. Endlich kam eine Schwester in den Raum, stellte sich vor und bat denjenigen, der als erster da war, sich auch als erstes zum Vorgespräch zu begeben. Das war dann wohl ich. Zittrig wackelte ich auf sie zu und folgte ihr in einen anderen Raum, in dem schon ein Arzt wartete, während meine Mutter sich auf den Weg nach draußen machte.

Der Arzt war groß, gemütlich und bärtig. Sein Lächeln war wirklich sympatisch und er führte den Großteil des Gesprächs mit mir. Die Schwester und er schauten sich zuerst den von mir ausgefüllten Fragebogen an. „Na, dann erzählen Sie doch mal genaueres!“, sagte er lächelnd. Öhm. Okay. Es sprudelte so aus mir heraus, wild durcheinander gewürfelt erzählte ich davon, dass ich mit 13 angefangen habe, mich selbst zu verletzten, dass ich mal kurz bei einer Psychologin in Therapie war, die mich dann als sexuell abartig bezeichnete, dass ich eigentlich arbeite und studiere, arbeiten mich aber total anstrengt und das Studium derzeit auf der Strecke bleibt. Ich schnitt kurz an, was mein Ex mir angetan hat. Und dann erwähnte ich, dass ich nah am Wasser gebaut sei – „Macht nichts, das erleben wir oft. Da drüben stehen Taschentücher, bedienen Sie sich.“ – zack, heulte ich auch schon los. „Manche wären froh, wenn sie so weinen könnten.“ Hach ja, bin ich ja meistens auch, wenn mir die Heulerei nur nicht immer dann käme, wenn ich eigentlich über etwas reden will.

Der Arzt fragte nach Drogen und Alkohol, nach den Körperstellen, an denen ich mich selbst verletzte, danach, ob ich als Kind/Jugendliche mal sexuell missbraucht worden sei oder ob ich körperlich misshandelt wurde. Ich antwortete, dass ich es nicht weiß, dass ich einige Dinge verdrängt habe [z. B. dass ich mal von Freunden geknebelt, gefesselt und eingesperrt worden war, was ich allerdings nur aus einem alten Tagebuch und nicht aus Erinnerungen weiß], dass ich mir aber nicht vorstellen kann, missbraucht worden zu sein. Jedenfalls nicht als Kind. Er fragte, wie ich schlafe, ob ich durchgehend schlafe, Albträume habe, gut einschlafen kann oder eher nicht. Die Schwester fragte mich nach meinem Verhältnis zu meinen Eltern. Ich wurde gefragt, ob ich mich gut konzentrieren kann.

Die Frage nach meiner Konzentration stellte sich als Gretchenfrage heraus: Nein, ich kann mich nicht lange konzentrieren, sonst würde ich ja wie gewohnt studieren. Und auch arbeiten strengt mich sehr an. Nur auf meinen Hund kann ich mich länger konzentrieren. „Oh, aber so ein Tag in der Tagesklinik geht von 8 bis 16 Uhr und ist auch anstrengend. Meinen Sie, Sie schaffen das?“ – tja, öhm. Keine Ahnung. Ich weiß es wirklich nicht. Aber versuchen muss ich es doch, oder? „Eine stationäre Aufnahme wäre auch möglich.“ – Aber dann seh‘ ich meinen Hund zu selten, das geht nicht.

Ich wurde auch gefragt, was ich mir von dem Aufenthalt in der Tagesklinik erwarte. Ich will wieder ein „normales“ Leben führen. Normaler als jetzt jedenfalls. Ich will wieder arbeiten und studieren können und ich möchte nicht mehr so viel Angst vor fremden Menschen haben.

„Sie wirken sehr instabil und wir sind uns nicht sicher, ob ein Aufenthalt in der Tagesklinik für Sie das Richtige ist. Versuchen können wir es natürlich trotzdem.“

Wow. Ja, natürlich bin ich instabil, deswegen will ich ja eine Therapie machen.

„Die Wartezeit beträgt sechs bis acht Wochen, wir melden uns dann bei Ihnen, wenn wir einen Platz für Sie haben.“, sagte der Arzt. Die Schwester fügte hinzu: „Sie könnten sich in zwei Wochen bei uns melden und mal nachfragen, wie der Stand der Dinge ist. Sich in Erinnerung rufen. Dann geht es manchmal schneller.“

Nachdem ich mich bedankt und verabschiedet hatte, torkelte ich mit Tränen in den Augen hinunter ins Erdgeschoss, stürmte regelrecht durch die Tür, suchte und fand meine Mutter und schmiss mich ihr erstmal heulend in die Arme. Eins steht fest: So viel geheult wie heute habe ich schon lange nicht mehr.

Das war also mein Vorgespräch für den Aufenthalt in der Tagesklinik. Ein bisschen erinnerte es mich an ein Bewerbungsgespräch – dass ich mich melden soll, vermutlich um Interesse und den Willen, die Therapie wirklich durch zu ziehen, zu zeigen, irritiert mich ein bisschen und erinnert mich wirklich sehr an Bewerbungsverfahren und meine Zeit als Personalsachbearbeiterin. Eventuell sollte ich mir noch eine zweite Klinik ansehen – manchmal ist es ja ganz gut, wenn man Vergleichsmöglichkeiten hat.