„Du hast ganz schön zugenommen“ ist einer dieser Sätze, auf die ich so richtig gut verzichten kann. Also so ganz. Und gar. Weil, ernsthaft: Wieso sagt man jemandem das?

Das Gewicht mancher Menschen schwankt mehr als das Gewicht anderer Menschen. Ich bin einer dieser „mancher Menschen“. Ich war noch nie ein Rehlein, wie meine Mutter es so schön diplomatisch ausdrückt – richtig dünn bin ich also nie gewesen. Immer war ich „mehr zum Liebhaben“, wenn man denn so möchte. Und das ist okay. Das bin eben ich. Ehrlich gesagt würde ich mit 40 Kilo auch ziemlich komisch aussehen, weil ich dafür einfach zu breite Schultern und ein zu breites Becken habe.

Fakt ist jedoch, dass ich in den letzten zwei, drei Jahren sehr stark zugenommen habe. Das war eine Kombination aus Medikamenten und Schutzfuttern. Ich habe mir einen „kleinen“ Schutzpanzer angefuttert, weil ein gewisser Jemand (quasi mein persönlicher Du-weiß-schon-wer) immer sagte: „Wenn du dick wirst, will ich dich nicht mehr.“ Cool, dann werd‘ ich einfach dicker, dann brauche ich auch keine Angst mehr vor ihm zu haben. Logisch, oder?

Jaaaaa – nein. Also, doch, für meinen psychisch kranken Kopf fühlt sich das nach einer sehr realen Angst und nach einer sehr realen Lösung an. Hat ja auch geklappt. Ich bin rund, bunt und offenbar in Sicherheit.

So, nun sind da aber diese herzlichen Menschen, die strahlend auf einen Menschen wie mich zukommen und so wunderbare Sätze sagen wie „Du hast aber ganz schön zugenommen!“. Yeah, well…

Ernsthaft, warum sagt man sowas? Geht man bei Menschen, die von der letzten bis zur aktuellen Begegnung zugenommen haben, davon aus, dass denen das nicht selbst aufgefallen ist? Schreibt man dicken Menschen die Fähigkeit zur Selbstreflexion ab? Mal ehrlich, ich habe zwar zugenommen, aber ich bin nach wie vor in Besitz eines Spiegels. Mehrerer sogar. Ich habe zwar keine Waage, aber Spiegel – und übrigens: Wenn die Klamotten nachts von den fiesen kleinen Kalorientierchen enger genäht werden, merkt man das auch. Und mal abgesehen von mir selbst: Viele dicke Menschen sind durchaus in Besitz einer Waage und benutzen sie sogar! Schockierend, nicht wahr?

Es ist ja nicht so, dass Dickwerden sowas wäre wie einen Fleck auf dem Hemd zu haben. Auf der Schulter. Also da, wo ich nicht hingucken kann. Dick wird man nicht plötzlich, über Nacht, und man kann es auch sehen (und spüren), wenn man gerade keinen Spiegel zur Hand hat – im Gegensatz zu einem Saucenfleck auf der Bluse oder einem Stück Spinat zwischen den Zähnen.

Ich finde es immer sehr edelmütig, wenn jemand sagt „Aber ich weise jemanden doch nur darauf hin, dass er zugenommen hat, weil Übergewicht echt ungesund ist und schlimme Folgen für die Gesundheit haben kann“ – ja, das ist wirklich edelmütig. Und wahr ist es auch noch. Übergewicht ist gefährlich. Viele, viele fiese Krankheiten winken, sobald sie das Wort „Übergewicht“ auch nur hören, fleißig mit einer Fahne, auf der ein großer Schokokuchen zu sehen ist, und locken arglose Übergewichtige zu sich.

Ich kenne keinen dicken Menschen, der sich nicht der Gefahren des Übergewichts bewusst ist. Und ich kenne keinen sehr dünnen Menschen, der sich nicht der Gefahr des Untergewichts bewusst ist. Jemanden auf etwas hinzuweisen, das er selbst sieht, ist in meinen Augen einfach nur unsensibel. Nein, hinweisen ist gar nicht das richtige Wort. Drauf stoßen. Es kommentieren. Oder sollen wir Dicken einfach mal unser Gegenüber genau beobachten und schauen, wie viele graue Haare und wie viele Falten seit der letzten Begegnung hinzugekommen sind? Ja? Sollen wir? Das ist zwar nicht ungesund, aber das ist sichtbar. Und ebenso unsensibel.

Wenn ein übergewichtiger Mensch über seine Gewichtszunahme reden will, dann wird er das schon machen. „Du bist aber dick geworden“ wird in den meisten Fällen (gerade bei dünnhäutigen dicken Frauen wie mir) nur zu Abwehrreaktionen führen, nicht aber zum (potentiell) erhofften „Ja, ich weiß, bitte hilf mir doch beim Abnehmen und nimm mich mit zum Sport“.

Ich könnte mir vorstellen, dass man, wenn man als normalgewichtiger Mensch einen übergewichtigen Menschen darauf ansprechen möchte, um ihm wirklich zu helfen, eher so etwas wie „Hey, geht es dir gut, fühlst du dich wohl?“ sagen könnte. „Du bist aber dick geworden“ empfinde ich, ehrlich gesagt, als überflüssig, oft unsensibel und leider viel zu häufig herablassend.

Und ansonsten sage ich es mit Disney’s Klopfer:

Wenn man nichts Nettes zu sagen hat, soll man den Mund halten.