„Sieh mich an!“, schreit sie ihm mit zitternder Stimme und Tränen in ihren Augen ins Gesicht. „Sieh mich an, verdammt noch mal, sieh mich an und sag’s mir! Sag mir, dass du mich nicht liebst! Sag mir, dass du nur sie liebst und dass du mich nicht willst! Los, sag es! Sag es!“ Ihre Stimme erstickt an den letzten Worten, während eine heiße Träne ihre eiskalte Wange hinunter gleitet.

Er greift mit beiden Händen nach ihren Schultern, doch sie dreht sich weg und er greift ins Leere. „Ich kann nicht.“, flüstert er ihr zu. „Ich kann dir nicht sagen, dass ich dich nicht liebe, weil es nicht stimmt. Ich liebe dich, ich vergöttere dich, und ich will dich. Ich will dich ganz und gar, ich liebe jeden Zentimeter an dir, ich liebe jede verdammte Sommersprosse und, verdammt noch mal, jedes Wort, das du sagst. Alles, alles was du sagst, klingt wie Musik für mich. Du bist die schönste Frau, die ich je gesehen habe, und ich möchte mein Leben mit dir verbringen. Ich will morgens neben dir aufwachen und abends neben dir einschlafen, ich will dich, scheiße, ich liebe dich!“, brüllt er über den dunklen Marktplatz und stolpert einige Schritte rückwärts, taumelnd, schmerzerfüllt.

„Dann sag mir warum. Sag mir, warum du jetzt nicht mit mir nach Hause gehst. Sag mir, warum wir hier stehen und warum wir uns verabschieden. Für immer. Sag es mir.“, bringt sie schluchzend hervor, während sie auf ihn zugeht, sich seinen rechten Arm um die Schultern legt und ihn stützt. Sie umfasst entschlossen seine eigentlich viel zu dünne Schulter mit ihrer linken Hand, während sie versucht, seine zitternde rechte Hand in die ihre zu nehmen. „Wieso? Wieso willst du jetzt gehen?“, flüstert sie ihm leise ins Ohr und unterdrückt den Impuls, ihren Kopf an seine Schulter zu legen und ihr Gesicht in seinem langen, blonden Haar zu vergraben. „Wieso?“, fragt sie und blickt in seine Augen.

Er sackt in sich zusammen und sie hat Mühe, ihn auf seinen Beinen zu halten. „Weil ich es muss. Ich muss. Ich liebe sie genauso.“, wispert er ihr zögernd zu und wendet den Blick von ihr ab.

Sie zerbricht. Ihr Herz zerbricht in tausend Stücke, während dem Mann, den sie liebt, der Mann, den sie gerade zum ersten Mal im Arm hält, der Mann, der ihr gerade das erste Mal länger als eine halbe Sekunde so nah ist, dass sie die Wärme seines Körpers trotz der eisigen Kälte dieser finsteren, bitteren Nacht spüren kann, heiße Tränen über sein kantiges Gesicht rinnen und rote Flecken hinterlassen. Ein in der spärlichen Beleuchtung des Platzes glitzerndes Rinnsal aus Tränen fließt lautlos über die dunkle Narbe auf seiner Wange, bevor es seinen Bart erreicht und dort sein jähes Ende findet. Sie reißt sich los, stößt seinen rechten Arm von ihren Schultern, schüttelt seine rechte Hand ab, die die ihre bis zu diesem Moment krampfhaft umklammert hatte, sie spürt, wie er den Halt verliert und stolpert, spürt, wie sie selbst schwankt, wie ihre Knie zittern, doch bewegt sich vorwärts, fort von ihm, weg, einfach nur aus seiner Reichweite. Sie wischt hastig mit dem rechten Ärmel ihrer schwarzen Jacke über ihr Gesicht, wischt die Tränen weg, die unaufhörlich wie ein Wasserfall ihren Weg zu finden drohen. So schnell sie kann lässt sie ihn hinter sich. Das Rauschen in ihren Ohren übertönt das Pfeifen des Winterwindes, es übertönt das Motorengeräusch des herannahenden Autos, es übertönt die panischen Rufe des Mannes, den sie gerade zurück gelassen hat, das Rauschen umhüllt sie ganz und gar.

Plötzlich packt eine Hand ihre rechte Schulter und zieht sie ruckartig nach hinten. Sie stürzt, reißt ihre Hände zurück, hinter sich, um ihren Sturz abzufangen und spürt plötzlich zwei Arme unter den ihren, die sie auffangen, bevor sie den Boden erreicht. Im gleichen Moment sieht sie ein Auto an sich vorbei fahren, genau dort, wo sie eine Sekunde zuvor noch gestanden hatte. Sie schließt die Augen und atmet tief ein. Sein Duft steigt ihr in die Nase. Dieser Duft aus seinem Aftershave, seiner Lederjacke, und… ihm. Warm, vertraut und geborgen. Sie atmet tief ein, prägt sich jedes Detail dieses Moments ein, versucht, den Geruch für immer festzuhalten, den Kontakt zu den Händen, die sie berühren, nie zu verlieren. Eine Strähne seiner blonden Haare berührt ihre Wange, als er sie aufrichtet.

„Bist du okay?“, fragt er und seine stahlblauen Augen fixieren ihre. Eindringlich betrachtet er sie von oben bis unten, jeden Zentimeter, bis er sich vergewissert hat, dass ihr nichts passiert ist. Sie nickt nur kurz und starrt ihm ins Gesicht. Seine Augen sind rot. Die langen Wimpern kleben zusammen wie kleine Dreiecke. Er ist ganz rot, vom Rennen und vom Weinen haben sich nicht nur seine Wangen, auch seine Stirn und seine Nase rot gefärbt. Der nicht allzu lange Vollbart ist nass, nass von den Tränen. Doch er ist schön. Er bleibt der schönste Mann der Welt, egal, in welchem Zustand er ist. Für sie zumindest.

Sie schließt die Augen und versucht, sich zu erinnern. Unter dem Schal und der dicken Lederjacke stecken sein schlanker Körper, seine definierten Arme und die Tätowierungen, die sie in Gedanken nachzeichnete, als er sie ihr das erste Mal zeigte, in der Kneipe, in der sie sich immer trafen, um zu reden. Der Motorblock, der Stier. Der vernarbte Oberarm, der so viel mehr Gemeinsamkeiten offenbarte, als sie beide je auszusprechen gewagt hatten. Sein Anblick bei Konzerten, seine geschickten, schlanken Finger, die mühelos über den Hals seiner Gitarre glitten, ihre Saiten sanft zum Klingen brachten, um sie dann im lauten Akkord erbeben zu lassen. Die ausgeprägten Adern an seinen Unterarmen. Die Ringe an seinen Fingern, ein Totenkopf und ein Motor, Sterblichkeit und Leidenschaft.

„Ich gehe jetzt.“ Die schmerzliche Wahrheit aussprechend reißt er sie aus ihren Erinnerungen. Sie streckt sich ihm entgegen, stellt sich auf die Zehenspitzen und sagt kein Wort. Fast berührt sie mit ihrer Nasenspitze die seine. Er legt seine Stirn an ihre. „Ich liebe dich“, flüstert er. Erneut „Ich liebe dich…“ murmelnd berührt er vorsichtig ihre Lippen mit seinen, küsst sie sanft, bis sie fordernder wird und sich sämtliche Gefühle, Liebe, Verzweiflung, Wut, Angst, Trauer, Begehren, in diesem einen Kuss entladen. Ihre Knie werden weich und ihr Herz birst in einen tiefen Schmerz auseinander, da sie sich der Endlichkeit dieses wichtigsten Kusses ihres Lebens bewusst ist. Verzweifelt ringt sie um jeden einzelnen Moment, den dieser Kuss noch andauernd wird, versucht, jede einzelne Sekunde in vollen Zügen auszukosten und sich nicht von der Sterblichkeit dieses Augenblicks seine Schönheit nehmen zu lassen. Mit einem letzten Hauch flüstert er ein „Auf Wiedersehen“ in ihr Ohr, bevor er sich umdreht, über den Platz hastet und zwischen zwei Häusern verschwindet.

Mit geschlossenen Augen dreht sie sich um und tritt auf die Straße.