Gedanken zum Weltfrauentag 2018.

Ich bin Feministin.

Wenn du aus religiöser, persönlicher Überzeugung ein Kopftuch tragen möchtest, finde ich das total okay. Ich stehe hinter dir. Wenn du ein Kopftuch tragen musst, weil ein Mann oder eine Kultur das von dir erwartet, du es jedoch nicht tragen willst, kämpfe ich mit dir dafür, dass du es nicht mehr tun musst. Ich stehe hinter dir.

Wenn du als Prostituierte arbeitest, weil es dir Spaß machst, weil du gut darin bist und weil es dir leicht fällt, finde ich das total okay. Ich stehe hinter dir. Wenn du dazu gezwungen wirst, für Geld mit Männern zu schlafen, mit denen du nicht schlafen willst, kämpfe ich mit dir dafür, dass du es nicht mehr tun musst. Ich stehe hinter dir.

Wenn du Beziehungen mit Männern führst, weil du dich sexuell und emotional zu ihnen hingezogen fühlst, finde ich das total okay. Ich stehe hinter dir. Wenn du das Gefühl hast, dich an Männer halten zu müssen, weil du Angst hast, zu deinen lesbischen Neigungen zu stehen, kämpfe ich mit dir dafür, dass du lieben kannst, wen du willst. Ich stehe hinter dir.

Wenn dir deine Karriere wichtiger ist als eine Familie zu gründen, wenn du deinen Job liebst und du dich auf dich selbst konzentrieren möchtest, finde ich das total okay. Ich stehe hinter dir. Wenn du das Gefühl hast, dass dich dein Job auffrisst,  dass du keine Zeit für eine Familie hast, obwohl du lieber Kinder hättest, sie aufwachsen sehen möchtest, Zeit mit ihnen verbringen möchtest, kämpfe ich mit dir dafür, dass du Zeit und Geld für eine Familie hast. Ich stehe hinter dir.

Wenn du gerne im Sommer mit langen Hosen und Rollkragenpullovern herum läufst, finde ich das total okay. Ich stehe hinter dir. Wenn du aber denkst, du dürftest in nichts anderem herumlaufen, weil du dicker bist als es das sogenannte geltende Schönheitsideal „erlaubt“, und du das Gefühl hast, dass dein Körper verdeckt werden muss, kämpfe ich mit dir dafür, dass du dich in deiner Haut wohlfühlen darfst. Ich stehe hinter dir.

Wenn du schwanger wirst und dich freust, weil du endlich ein Kind bekommst, finde ich das total okay. Hey, du wirst Mutter! Ich stehe hinter dir. Wenn du schwanger bist und es nicht sein willst, du dich also für eine Abtreibung entscheidest, finde ich das total okay. Das ist deine Entscheidung. Ich stehe hinter dir.

Wenn du gerne ins Fitnessstudio gehst, um dich körperlich fit zu halten, um Spaß zu haben, um einen Ausgleich zum Arbeitsalltag zu haben, finde ich das total okay. Ich stehe hinter dir.Wenn du dich zwingen musst, zu trainieren, um der Gesellschaft zu gefallen, kämpfe ich mit dir dafür, dass du dich auf deine eigenen Bedürfnisse konzentrieren kannst. Ich stehe hinter dir.

Wenn du als Mann geboren wurdest und das Gefühl hast, genau das – also ein Mann – zu sein, finde ich das total okay. Du bist du. Ich stehe hinter dir. Wenn du dich schon immer eher weiblich gefühlt hast, gerne Make-up und Kleider tragen möchtest und als Frau wahrgenommen werden willst, obwohl du eigentlich als Mann geboren wurdest, kämpfe ich mit dir dafür, dass du sein kannst, wer du bist. Ich stehe hinter dir.

Wenn du ellenlange Beine hast, dein Körper den sogenannten Modelmaßen entspricht und du es liebst, dich auf Laufstegen und in Fotostrecken zu präsentieren, finde ich das total okay. Ich stehe hinter dir. Wenn du dich dafür quälst, über die Laufstege der Welt zu schreiten, und es hasst, aber denkst, dass du es tun musst, weil man dich nur so wahrnimmt, kämpfe ich mit dir dafür, dass du tun kannst, was du möchtest. Ich stehe hinter dir.

Wenn du eine Frau bist, lange Haare hast, roten Lippenstift und kurze Röcke trägst, Männer mit deinem umwerfenden Lächeln verzauberst und dir die Kerle scharenweise zu Füßen liegen und du genau dieses Gefühl liebst, finde ich das total okay. Ich stehe hinter dir. Wenn jemand behauptet, dein Aussehen wäre Grund genug, Dinge mit dir zu tun, ohne dass du eingewilligt hast, kämpfe ich mit dir dafür, dass dein Aussehen nicht als Legitimation für Straftaten gesehen wird. Ich stehe hinter dir.

Wenn du ein junges Mädchen bist, das gerne pink trägt, mit Puppen spielt und du deine Einhornbettdecke liebst, finde ich das total okay. Ich stehe hinter dir. Wenn du lieber mit Feuerwehrautos spielen würdest und total auf Spiderman abfährst, dich aber nicht traust, deinen Eltern davon zu erzählen, weil das ja Jungskram ist, kämpfe ich mit dir dafür, dass es für niemanden mehr einen Unterschied macht, ob du auf Mädels- oder Jungskram stehst. Ich stehe hinter dir.

Wenn du als Frau geboren wurdest und es liebst, eine Frau zu sein, finde ich das total okay. Du bist du. Ich stehe hinter dir. Wenn du aber lieber Männerklamotten tragen und „männliche“ Dinge (welche auch immer das sein mögen) tun möchtest, kämpfe ich mit dir dafür, dass du tun und lassen kannst, was auch immer du möchtest. Ich stehe hinter dir.

Wenn du eine Frau bist, deinen Job liebst, alles gibst und alles kannst, was dieser Job von dir verlangt, und einen Konzern leitest, finde ich das total okay. Ich stehe hinter dir. Wenn du aber eine Frau bist und deswegen – nur deswegen, obwohl du absolut qualifiziert dafür wärst! – den Job als Führungskraft nicht erhalten hast, kämpfe ich mit dir dafür, dass du den Job bekommen kannst, der deinen Qualifikationen entspricht. Ich stehe hinter dir.

Wenn du bist, wer du sein willst, finde ich das total okay. Ich stehe hinter dir. Wenn du anders sein willst, als du bist, weil du dich anders fühlst, als du es zugeben kannst, kämpfe ich mit dir dafür, dass du nicht verstecken musst, wer du wirklich bist. Ich stehe hinter dir.

Für mich heißt Feminismus, dass ich nicht in biestiger Konkurrenz zu anderen Frauen, ihren Körpern, ihren Lebensweisen, ihren Entscheidungen stehe. Es heißt, dass ich dafür einstehe, dass jede Frau ihr Potential nach ihren eigenen Wünschen und Fähigkeiten entfalten kann, darf und wird.

Feminismus heißt für mich, dass ich Männer nicht als das abgrundtief Böse betrachte, sondern dass ich das Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern, das in unserer Zeit zwar bereits abgenommen hat, aber immer noch da ist, wahrnehme, ohne per se allen existierenden Männern die Schuld daran zu geben. Schuld ist bei etwas, das kulturell gewachsen ist, nicht einfach auf ein spezifisches Feindbild abzuwälzen. Feminismus heißt für mich nicht, dass ich allen lebenden Männern die Rechte und sogenannten Privilegien wegnehmen will, die ich als Frau gerne haben möchte. Ich möchte keine Rache. Ich möchte keine Sonderbehandlung. Ich möchte Gleichberechtigung.

Ich möchte, dass Männer sagen können, was sie empfinden, ohne als weibisch zu gelten. Ich möchte, dass Frauen arbeiten können als was auch immer sie arbeiten möchten, ohne dass ihre Anwesenheit in einer „Männerdomäne“ auffällt. Ich möchte nicht, dass eine Frau oder ein Mann so und so aussehen muss, um als Frau oder als Mann ernst genommen zu werden. Ich möchte, dass wir alle ernst genommen werden, und gleichzeitig möchte ich nicht, dass wir den Humor verlieren und nicht mehr über uns selbst (und ein wenig auch übereinander) lachen können.

Ich möchte nicht, dass es okay ist, dünnen Frauen zu sagen, dass nur Kurven sexy sind und nur Hunde mit Knochen spielen. Ich möchte auch nicht, dass es okay ist, dicken Frauen zu sagen, dass sie sich nicht sexy fühlen und kleiden dürfen, eben weil sie dick sind. Ich möchte nicht, dass es okay ist, einer Frau zu sagen, sie sei eine Schlampe, weil sie „viel“ Sex hat – wie auch immer man „viel“ definiert. Ich möchte auch nicht, dass es okay ist, einer Frau, die keinen Sex vor der Ehe will, zu sagen, dass sie prüde sei. Ich möchte Akzeptanz für individuelle  Lebensentscheidungen und Hilfestellungen für diejenigen, die Hilfe wollen.

Als Feministin muss ich nicht gegen Männer, sondern für Frauen sein. Für alle Frauen. Auch für die Frauen, die biologisch gesehen nicht immer Frauen waren, und für die Frauen, die zwar biologisch welche sind, sich aber als Männer fühlen. Für die Entscheidungen, für die Freiheit jeder Frau, das zu tun, was sie sich tief im Herzen wünscht.

Ich bin Feministin.