„Könige sind sterblich – Legenden hingegen sterben nie!“, rief sie mit entschlossenem Blick aus, streckte ihre linke Hand gen Himmel und sprintete los. Anstatt dass ihre Haare malerisch im Wind flatterten und ihr, einer Staubwolke gleich, folgten, sorgten Seitenwind und Regen dafür, dass ihr zunächst einige Strähnen ins Gesicht fielen, wo sie dann von einem gefühlten Liter Regenwasser pro Quadratmeter festgeklebt wurden.

Während sie so schnell lief, wie sie eben konnte, nahm sie nur schemenhaft ihre Umgebung war: Vor und hinter ihr liefen andere Menschen, nein, vor allem vor ihr, sie konnte nicht erkennen, ob es Freunde oder Feinde waren. Von Meter zu Meter fiel ihr das Atmen schwerer. Mühsam presste sie einen Atemstoß nach dem anderen heraus, wischte sich hektisch eine der klatschnassen Haarsträhnen aus dem Gesicht. Die Strähne verfing sich in Bügel ihrer Brille, doch bevor sie es bemerkte, hatte sie bereits so heftig an der Strähne herumgewischt, dass sie sich ihre Brille vom Gesicht fegte. Sie konnte jetzt nicht aufgeben, sie musste weiterlaufen, sie musste einfach! Sie hatte nur diese eine Chance und ihrer Entschlossenheit stand nichts im Weg.

Nunja, fast nichts. Ihre körperliche Verfassung, die dazu führte, dass sie allen, wirklich allen anderen Menschen, gnadenlos unterlegen war sobald es darum ging, sich physisch mit ihnen zu messen, dämpfte ihren Kampfesgeist doch ein wenig.
In ihren Ohren rauschte das Blut, es wurde sekündlich lauter. Ein Schleier legte sich über ihre Augen und sorgte dafür, dass sie noch verschwommener sah als zuvor. Lag es am Regen? An der fehlenden Brille? Oder wollte ihr Körper ihr den Kampf versagen?

Lautes Grölen drang an ihre Ohren. Stimmengewirr. Schreie. Das war es also. Es war vorbei. Zu Ende. Schluss. Aus.
Resignierend verlangsamte sie ihren Schritt, fischte im schleppenden Dauerlauf ihre ihr noch immer gegen den Kopf schlagende Brille aus der Haarsträhne und setze sie auf. Sie verfiel in ein schnelles, dann in ein langsameres Gehen. Allmählich näherte sie sich dem Stimmengewirr, den auf und ab springenden Körpern. Johlen und Heulen. Hände, Körper klatschten gegeneinander.

„56 Sekunden langsamer als Jule, die vorletzte!“, raunte ihr Sportlehrer, als sie die Ziellinie überschritt, machte sich eine kurze Notiz auf seinem Bewertungsbogen, steckte die Stoppuhr in die Hosentasche, drehte sich um und ging kopfschüttelnd auf einen seiner Kollegen zu.

Bundesjugendspiele. Ein Spaß für alle Schüler.